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       (Quelle: Oliver Spies / Ole Zimmer)

      21. Dezember 2016

      Das große Grauen

      Text: Saskia Trucks
      Foto: Oliver Spies / Ole Zimmer
      Saskia Trucks ist über Nacht ergraut. Freiwillig, im jugendlichen Alter von 22 Jahren. Das Protokoll eines Selbstversuchs.

      Mein Vater, vor einigen Jahren selbst ergraut, reagierte überraschend gelassen, als ich ihm von meinem Plan erzählte, mir graue Haare machen zu lassen. Er erinnerte mich lediglich an meinen Spitznamen, den ich in der siebten Klasse verpasst bekommen hatte: "Gelber Power Ranger" wurde ich damals genannt. Es war die Folge eines kleinen Haarunfalls, einer unansehnlichen Kurzhaarfrisur samt missglückter Blondierung. Und jetzt also Grau. 

      Die Haarfarbe, die zeigt, dass man nicht mehr die Jüngste ist. Die Haarfarbe, deren erstes Auftreten von Frauen (bisweilen auch von Männern) umgehend versteckt und übertönt wird, seit es Kolorationen gibt. Aber auch die Haarfarbe, die sich gerade zum Trend entwickelt unter jungen, modeaffinen Frauen. Der Farbtrend hat einen Namen: "Granny Hair", Omahaar. Wer "Grey Hair" in die Suchmaske seines Computers eingibt, dem spuckt Google im Moment mehr Bilder von künstlichen grauen Haaren aus als von natürlichen.

      Ein letzter Blick in den Spiegel - vor dem Experiment: Saskia Trucks, 22 Jahre alt, mit blonden Haaren. 

      Foto: Oliver Spies

      Ein letzter Blick in den Spiegel - vor dem Experiment: Saskia Trucks, 22 Jahre alt, mit blonden Haaren.  (Quelle: Oliver Spies)

      Wer hat's erfunden? Lady Gaga?

      Wer den Trend losgetreten hat, ist wie immer bei modischen
      Strömungen nur schwer auszumachen. 2014 trat Rihanna mit einem
      grauen Pferdeschwanz auf, und auch Lady Gaga erschien im vergangenen
      Jahr mit silbergrauem Haar auf einer Oscar-Party. Aber die trägt ja auch alles, sogar Anzüge aus rohem Fleisch. Egal, seither folgten Dutzende weiterer Promis dem Trend, und aus den einschlägigen Frauenzeitschriften
      ist er auch nicht mehr wegzudenken.

      Weitere Verbreitung erfuhr das gewollte Ergrauen durch die sozialen Netzwerke. Bei Instagram, einem Dienst, bei dem die Nutzer vor allem Fotos posten, finden sich 228 722 Beiträge zum Thema "Granny Hair". 228 722 Bilder von jungen Frauen mit dunkelgrauen, hellgrauen oder silbern schimmernden Haaren, die ihre Frisuren präsentieren und andere inspirieren. Der Friseur bekommt dann das Handy unter die Nase gehalten: "Genau so möchte ich es!" Vorbei die Zeiten, als Kunden noch Mappen mit Musterfrisuren durchblätterten.

      "Wenn’s ned ganz perfekt wird, mach ich’s ned", sagt Gerhard Meir vor der Grau-Packung. Schließlich hat er als Starfriseur einen Ruf zu verlieren.

      Foto: Ole Zimmer

      "Wenn’s ned ganz perfekt wird, mach ich’s ned", sagt Gerhard Meir vor der Grau-Packung. Schließlich hat er als Starfriseur einen Ruf zu verlieren. (Quelle: Ole Zimmer)

      Der Münchner Starfriseur ist erstmal skeptisch

      Um mir ein so perfektes Grau zu färben, wie es die Instagram-Girls vorweisen, muss ein Experte ans Werk gehen: Gerhard Meir. Der Münchner Starfriseur, der in Paris und New York gelernt hat, und den seine extravaganten Arbeiten am Haupt der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis berühmt machten – dem will ich mich anvertrauen.

      Leider ist sich Meir beim ersten Telefonat unsicher, ob mein Haar auch für den Trend geeignet ist. "Wenn’s ned ganz perfekt wird, mach ich’s ned", lautet seine Devise. Ich soll also vorab unverbindlich in seinen Salon kommen, damit er meine Haare gemeinsam mit einem Kollegen inspizieren
      kann. Die beiden werfen mit Zahlen um sich: "Da können wir mit einer 3 drauf oder mit einer 4." – "Nein, ich würde da eher die 6 nehmen." Ich verstehe nur Bahnhof.

      Bunt, bunt, bunt sind die Produkte der Kosmetikindustrie. Diesmal soll's aber ausgerechnet die Nichtfarbe Grau sein.

      Foto: Ole Zimmer

      Bunt, bunt, bunt sind die Produkte der Kosmetikindustrie. Diesmal soll's aber ausgerechnet die Nichtfarbe Grau sein. (Quelle: Ole Zimmer)

      Willkommen in der Grauzone

      Später erfahre ich, dass damit verschiedene Blondierungsstufen
      gemeint sind. Die Zahlen richten sich nach dem Wasserstoffperoxid-Anteil der Blondierung. Meir erklärt, dass meine Haare zunächst komplett gebleicht werden müssen, damit anschließend die graue Farbe hält. Am nächsten Morgen macht sich der Farbspezialist Christian Breuer, den Gerhard Meir hinzugezogen hat, an die Arbeit. Strähne für Strähne bekomme ich das Wasserstoffperoxid auf den Kopf. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

      Mir geht ein Satz durch den Kopf, den Gerhard Meir am Telefon gesagt hat: "Solche Haare stehen nur ungefähr fünf Prozent aller Frauen." Ich hoffe
      inständig, dass ich nicht zu den 95 Prozent der anderen gehöre. Drei Stunden später sind meine Haare knallgelb, ungefähr so wie zu meinen Zeiten als "Gelber Power Ranger". Um den Farbstich zu reduzieren,
      wäscht Breuer meine Haare mit einem speziellen Silbershampoo. 

      So entstand der "Granny Hair"-Look von "1890"-Autorin Saskia Trucks (Video: Ole Zimmer)

      Wow! Grau! Macht alt auch interessant?

      Dann beginnt die eigentliche Arbeit: Dutzende Strähnen werden in verschiedenen Grautönen bepinselt, um einen möglichst natürlich
      wirkenden Effekt zu erzeugen. Echt graues Haar hat einen natürlichen Strähnchen-Look, weil die Zellen, die den Haarfarbstoff
      Melanin produzieren, nicht alle gleichzeitig die Arbeit einstellen.

      Dann endlich der spannende Moment: Christian Breuer nimmt mir das Handtuch vom Kopf. Grau! Wow! Grau! Seltsamerweise sehe
      ich damit nicht alt aus. Die alte Farbe löst keine emotionale Abstoßungsreaktion aus, im Gegenteil: Ich finde das Grau interessant. Christian Breuer und Gerhard Meir betrachten mich im
      Spiegel. Sie sind zufrieden mit dem Ergebnis. Fünf Stunden hat das jetzt gedauert.

      Passt! Saskia Trucks ist zufrieden mit ihrer neuen "alten" Haarfarbe. Und einen Spitznamen haben Familie und Freunde auch bereits für sie: "Granny".

      Foto: Ole Zimmer

      Passt! Saskia Trucks ist zufrieden mit ihrer neuen "alten" Haarfarbe. Und einen Spitznamen haben Familie und Freunde auch bereits für sie: "Granny". (Quelle: Ole Zimmer)

      Grau: Eine Nichtfarbe, nichts Halbes und nichts Ganzes

      Rot ist die Liebe, Grün ist die Hoffnung, Gelb ist der Neid ... und Grau? Grau ist gar nichts. Physikalisch gilt es nicht mal als Farbe, es steht unentschlossen zwischen den Nichtfarben Schwarz und Weiß. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Und dafür steht Grau auch in unserer Sprache: Da gibt es die juristische Grauzone, nicht illegal, aber auch nicht legal. Oder
      das Morgengrauen: nicht mehr Nacht und noch nicht Tag. So sind auch graue Haare – ein seltsamer Zwischenton.

      Im Bereich der Schönheit wohnt ihnen dennoch ein wenig Protestpotenzial inne. Schließlich lebt die ganze Haar- und Beauty-Branche vom Versprechen der ewigen Jugend. Dass da junge Frauen zu den Friseuren kommen und absichtlich älter aussehen wollen, dürfte die schon etwas verstören. Gerhard Meir nennt den Trend denn auch ein "bisschen anti"
      und sieht darin ein Statement fürs Anderssein.Mit blauen oder grünen Haaren kann man heute ja kaum noch Aufmerksamkeit erregen. 

      "1890" können Sie auch als App lesen - selbstverständlich kostenfrei: Über die QR-Codes gelangen Sie direkt zu iTunes beziehungsweise Google Play. 

      Foto: allianzdeutschland.de

      "1890" können Sie auch als App lesen - selbstverständlich kostenfrei: Über die QR-Codes gelangen Sie direkt zu iTunes beziehungsweise Google Play.  (Quelle: allianzdeutschland.de)

      Neuer Look, neuer Spitzname

      Am Ende schaffen meine neuen grauen Haare dann nicht mal das: Aufmerksamkeit erregen. Ich sitze mit meinem neuen Granny- Look im ICE, auf der Fahrt zur Geburtstagsparty meines Freundes. Jedes Mal, wenn wir durch einen Tunnel rasen und sich meine Haare in den Fenstern spiegeln, fahre ich mit den Fingern hindurch, um mich zu vergewissern, dass sie tatsächlich echt sind. Schräg gegenüber sitzt ein älterer Herr, auch er silbergrau, der mich hin und wieder mustert.

      Als ich später mit meiner neuen, vermeintlich provozierenden Frisur das Restaurant betrete, in der die Familie meines Freundes bereits wartet, entdeckt er mich als Erstes. Grinsend kommt er auf mich zu. "Hi, Granny", flüstert er mir ins Ohr. "Wehe!", antworte ich. Aber da ist es schon zu spät. Der Rest der Geburtstagsgesellschaft ist nämlich ebenso schwer begeistert. Nicht nur von meiner neuen Haarfarbe, sondern auch von meinem neuen Spitznamen: "Granny" – den Namen werde ich wohl so schnell nicht mehr los.

      Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 1/2017 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Altern". Alle bisherigen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download.