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       (Quelle: Rafael Krötz)

      Veganismus 24. November 2016

      Das Ende der Nahrungskette

      Text: Christian Gottwalt
      Foto: Rafael Krötz
      Tiere auf Tellern stehen zu sehen, fühlt sich seltsam an, auch wenn es nur Modelle sind. Kommt das Unbehagen daher, dass uns das Essen anblickt? Und wenn ja, warum blicken wir so ungern zurück? Sechs Gedanken dazu.

      Erster Gedanke: Das ist unmoralisch

      Ein häufiger Satz von Vegetariern lautet: "Ich esse nichts, was Augen hat." Hühner-Nuggets oder Wiener Schnitzel haben keine Augen, das Fleisch ist sorgsam unter der Panade versteckt. Manche essen Nuggets, weil sie sich dem ganzen Huhn nicht stellen mögen: Das hier war das Bein. Das der Flügel. Das der Brustkorb. 

      Wir sind es gewohnt, die Augen zu verschließen, nur das Fleisch zu sehen und das Tier dahinter zu vergessen. Die Reaktion ist verständlich, denn Tiere zu essen wirft ethische Fragen auf. Es ist un­angenehm, sich ihnen zu stellen, und anstrengend, mögliche Konsequenzen daraus zu ziehen.



      Foto: Rafael Krötz

       (Quelle: Rafael Krötz)

      Zweiter Gedanke: Das ist geschmacklos

      Tiere auf einen Teller zu stellen, wäre unappetitlich. Sie sind schmutzig. Man wäscht sich die Hände, nachdem man ein Tier angefasst hat. Solange es noch Haut, Haare und Hufe hat, dulden wir kein Tier auf dem Teller. Mit dem Prozess, wie Haut, Haare und Hufe entfernt werden, wollen wir allerdings nichts zu tun haben.

      Er findet hinter den verschlossenen Türen der Schlachthöfe statt. An Fachkräfte delegiert, die nichts anderes machen als Töten, Häuten, Ausnehmen und Zerteilen. Diese Arbeit kann einem den Appetit auf Fleisch verderben. Wie viele moderne Menschen haben je ein Tier mit eigenen Händen getötet? Die Tiere auf den Tellern blicken uns an und sagen: Genau das musst du tun, bevor du mich essen kannst.

      Dritter Gedanke: Das ist beschämend

      Das Töten von Tieren bereitet uns ein schlechtes Gewissen. Obwohl wir ahnen, wie Nutztiere gequält werden, hören wir nicht auf, sie zu essen. Auch wer gern Vegetarier wäre, schafft es oft nicht. Dabei gäbe es so gute Gründe: politische, ethische, ökologische, gesundheitliche und religiöse. Aber seine Ernährung umzustellen, ist schwer. Der Speiseplan ist kulturelle Identität, Gewohnheit, Ritual, Kindheitserinnerung.

      Das Tier auf dem Teller verwandelt sich in ein Symbol für die Unfähigkeit, uns zu ändern. Oder ist es ein gutes Zeichen, etwas zutiefst Menschliches, ein Symbol unserer Schwäche? Auf den, der den Verzicht geschafft hat, können Fleischesser jedenfalls rückständig wirken. Es gibt Veganer, die von der Tellerfrage die Rettung des Planeten abhängig machen. Das ist anstrengend, aber in der Übertreibung steckt auch eine Wahrheit. Die Tiere auf den Tellern blicken uns an und sagen: Mit deiner Art zu essen, zerstörst du mich. Und dich.



      Foto: Rafael Krötz

       (Quelle: Rafael Krötz)

      Vierter Gedanke: Das ist herzlos

      Bei einigen Tierarten weiß man nicht genau, ob man sie essen oder knuddeln soll. Das Lamm, das Reh, das Meerschweinchen, das Eichhörnchen: muss man einfach lieb haben. Vielleicht spielt uns die Biologie einen Streich und lässt das Kindchenschema in den Gesichtern der Tiere subtil wirken. Andererseits ist es gerade Kindern schwer zu vermitteln, dass der Hase auf dem Teller soeben noch Gras mümmelnd im Stall saß.

      Die Tierfiguren für unsere Fotoinszenierung stammen aus dem Spielwarenladen. Kinderbücher zeigen idyllische Bauernhöfe. Wann ist der Zeitpunkt, einem Kind zu sagen, dass diese Idylle ein Märchen ist? Zehn Milliarden Küken werden jährlich getötet, weil sie männlich sind und weder zum Eierlegen noch zum Masthähnchen taugen. Zehn Milliarden gelbe Flauschpuschel mit Knopfaugen. Die Tiere auf den Tellern blicken uns an und fragen: Warum hast du mich nicht lieb?

      Fünfter Gedanke: Das ist verwirrend

      Ist es besser, nur Wildfleisch zu essen? Kann die Steinzeitdiät helfen? Könnte die Heuschrecke die Nahrungsnot auf dem Planeten lindern? Weshalb steht hier ein afrikanischer Teller neben einem amerikanischen, wo doch viele Afrikaner verhungern und Amerikaner verfetten? Wie kann man nur Hunde essen? Wie schmeckt Antilope? Ist rotes Fleisch gesünder als weißes?

      Hatte das Biohuhn ein gutes Leben? Was soll ich jetzt essen? Der amerikanische Autor Michael Pollan bezeichnet es als das "Dilemma des Omnivoren", nicht mehr zu wissen, was er essen soll. Eine der einfachsten Fragen überhaupt und weit und breit keine Antwort in Sicht. Die Tiere auf den Tellern blicken uns an und sagen: nichts.



      Foto: Rafael Krötz

       (Quelle: Rafael Krötz)

      Sechster Gedanke: Das ist absurd

      Manche Menschen vermögen es, in den Tieren die eigene Natur zu erkennen. Dass wir eben auch nur Tiere sind. Sämtliche Säugetiere auf diesem Planeten stammen von einem kleinen Nager ab, der kurz nach der Ära der Dinosaurier auftauchte. Was, wenn es heute noch Tyrannosaurier gäbe, von denen ernsthaft die Gefahr ausginge, gefressen zu werden?

      Wie stünden wir dann zum Fleischverzehr? Dabei werden ja auch wir eines Tages verspeist: wenn Würmer, Einzeller und Pilze den menschlichen Körper zersetzen und ihn wieder in Erde verwandeln. Dann liegt der Mensch auf dem Teller der Natur. Wir sind das Ende der Nahrungskette und auch ihr Anfang. Die Tiere auf den Tellern schließen die Augen.


      Dieser Essay stammt aus der Ausgabe 2/2015 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Tiere". Alle bisher erschienenen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download.