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      "Einer muss ja den Kopf hinhalten": Crashtest-Dummy Max-Dieter berichtet aus seinem Leben. (Quelle: Enno Kapitza)

      Crashtests 18. März 2015

      "Die machen mich fertig" - Ein Dummy packt aus

      Text: Michael Cornelius
      Foto: Enno Kapitza
      Im Dienst des Kunden schickt die Allianz ihn in schwerste Unfälle. Immer ist er das Opfer. Hält für unsere Fehler den Kopf hin. Still und geduldig. Das ist nicht fair, oder? Einblicke in das knallharte Leben eines Crashtest-Dummys.

      Gleich geht das Licht an und die Menschen kommen zu uns in den Keller. Meine beiden Betreuer Sebastian und Carsten sind wie immer die Ersten auf der unterirdischen Teststraße im Bauch des Allianz Zentrums für Technik (AZT). Sie schalten die Computer an und prüfen noch ein letztes Mal die Sitzposition und das Kabel, das aus meinem Körper zu den Messgeräten geht. Es werden Gäste erwartet. Die wollen ein perfektes Spektakel. Einen sauberen Rumms.

      Carsten Reinkemeyer, Leiter Unfallforschung im Allianz Zentrum für Technik, mit Hundedummy Markus

      Foto: Enno Kapitza

      Carsten Reinkemeyer (Quelle: Enno Kapitza)

      "Das Wichtigste bei meinem Beruf ist: Geduld haben"

      Ich sitze schon die ganze Nacht über im Dunkeln am Steuer eines VW Sharan und warte. Das macht mir nichts aus, das Wichtigste bei meinem Beruf ist: Geduld haben. Es dauert jedes Mal fast einen Tag, bis ich endlich ans Steuer komme. Erst nimmt Oskar, mein mechanisches Double, für mich Platz. Mit seiner Hilfe wird stundenlang die genaue Sitzposition eingemessen. Vom Wartezimmer aus beobachtet meine Familie amüsiert die Prozedur.

      Oma unterhält die beiden Enkel mit Anekdoten und zeigt ihre Blessuren: abgerissene Finger, Schrammen, zerfledderte Silikonhaut. Sie war dabei, als man die WM-Autokorsos jubelnder Fans mit Dummys nachstellte. Sie stand mit Deutschlandschal und Fußballtrikot im offenen Schiebedach eines Audi A6. Beim Wandanprall schnitt die scharfe Kante in den Bauch. Meine Frau saß damals im offenen Fenster des Autos und demolierte mit dem Becken die B-Säule.

      Auf dem Weg zur Arbeit: Für BioRid II steht der nächste Heckaufprall an

      Grafik: Enno Kapitza

      Heckaufprall Dummy  (Quelle: Grafik: Enno Kapitza)

      Markus mag jetzt solche Geschichten nicht hören, er hat sich zu unseren Füßen schmollend eingerollt. Als Flughund segelte er gestern beim Crash durch die Luft. Unfreiwillig, wie immer. An der Stirn ist das Fell aufgeplatzt und die Drähte hängen raus. Ich bin stolz auf ihn. Immerhin konnte er den Menschen zeigen, was passiert, wenn das Haustier beim Unfall ungesichert zum gefährlichen Geschoss wird.

      Morgen hat mein Neffe, der BioRid II, seinen Einsatz. Er ist Spezialist für den Heckaufprall und das Schleudertrauma. Seine Wirbelsäule ist fast so wie die des Menschen, man hat ihm Halsmuskeln aus federndem Stahl eingebaut. Mit seinen sensiblen Sensoren testet er, wie gut oder schlecht Kopfstützen und Sitze neuer Autos vor Verletzungen der HWS schützen.

      "Einer muss ja den Kopf hinhalten"

      Sebastian geht es bei der Arbeit mit uns nicht schnell genug: "Der will nicht", sagt er oft, wenn ein Bein klemmt. Oder: "Der ist heute mal wieder völlig unbelehrbar und macht Sachen, die er nicht machen soll." Carsten beruhigt ihn: "Es sind nur Dummys, die lernen nicht aus ihren Fehlern." Witzig. Aus meiner Perspektive ist es genau umgekehrt. Der Mensch mit seinem Leichtsinn ist doch das Problem!

      Ein guter Dummy muss aber verzeihen können. Und er muss vor allen Dingen das Warten wirklich lieben. Ich freue mich jedes Mal wieder neu, wenn Sebastian mir wie gestern Abend den "Teletubby", eine Ösenschraube, in den Kopf dreht. Dann hänge ich am Haken eines Stahlseils. Mit dem Kran werde ich vorsichtig hochgehoben und zum Wagen auf der Testbahn gefahren. Dieser Moment des Schwebens ist für mich das Schönste. Vom vielen Sitzen ist mein Po schon ganz breit geworden – jetzt in der Luft fühle ich mich so frei. Ein paar schwerelose Gedanken jagen durch meinen Kopf:
      Wäre es nicht wunderbar, wenn alles im Leben so einfach wäre wie Nescafé? Das große Glück, Reichtum oder unfallfreies Fahren? Ein bisschen Pulver genügt, heißes Wasser drüber, umrühren, fertig.

      Die Technik hinter einem Dummy

      Foto: Enno Kapitza

      Dummy Kopf (Quelle: Enno Kapitza)

      Typische Menschenfantasie, sag ich da nur. Völlig unrealistisch. Wir Dummys wissen, dass das nur eine schöne Illusion ist. Autos crashen auf alle nur erdenklichen Weisen, von hinten, vorne oder von der Seite. Solange das so ist, werden wir gebraucht. Einer muss ja den Kopf hinhalten. Meiner ist aus Aluminium und hält eine Menge aus.

      Danners Crashtests setzten Standards

      Weil Menschen sentimental sind, geben sie Dummys Namen. Die Kollegen im AZT sprechen mich mit Max-Dieter an: eine Hommage an den Gründer Max Danner und seinen Nachfolger Dieter Anselm. Mein Namensvetter Max war ein Pionier der Unfall- und Reparaturforschung. Vor 40 Jahren fehlten weitgehend objektive Beurteilungskriterien für die Kraftfahrzeugreparatur: Was geht unter bestimmten Bedingungen kaputt, wie kann man reparieren, was kostet das? Max Danner setzte uns Hybrid-Dummys in Autos und untersuchte den typischen Stadtschaden, der etwa bei einem leichten Auffahrunfall entsteht. Dieser bis heute gefahrene Niedriggeschwindigkeitstest mit 15 km/h ist die Grundlage für die Ersteinstufung in das Typklassensystem der Vollkaskoversicherung. Die von Max Danner mit uns entwickelten Crashtests haben auch international den Standard gesetzt.

      Mein wirklicher Name ist Hybrid III, ich gehöre zur Spezies der am weitesten verbreiteten Dummys der Welt. Die Ersten von uns wurden in den 1950ern gebaut. Man nennt mich auch den 50-Prozent-Mann. Ich entspreche dem durchschnittlichen männlichen Autofahrer, wiege 78 Kilogramm und könnte ich aufrecht stehen, wäre ich 1,75 cm groß. Mein Spezialgebiet ist der Front-Crash.

      Forever young: Die Plastikmenschen halten über Generationen hinweg zusammen und altern nie

      Foto: Enno Kapitza

      Dummy-Reihe (Quelle: Enno Kapitza)

      In meinem Körper stecken bis zu 25 Sensoren, allein neun davon im Kopf. Die Messgeräte zeichnen auf, was mit mir passiert, wenn ich angeschnallt ungebremst gegen die Wand fahre. Wenn beim Aufprall etwas kaputtgeht, komme ich in die Dummyklinik zu Humanetics nach Heidelberg. Der Service dort ist okay, eine neue Rippe ist schnell eingebaut. Die Doktoren sind feinfühlig, das Öl für die Gelenke vom Allerfeinsten. Nur den Mann, den sie den "Masseur" nennen, fürchten wir. Er schraubt uns den Kopf ab und lässt ihn aus 40 cm Höhe fallen. Oder er schlägt mit einem Pendel auf unseren Brustkorb ein. Angeblich ist das eine Art Reset und Härtetest für die Sensoren.

      "Von Dummys kann man viel lernen"

      "Noch fünf Minuten", ruft Carsten. Gäste und Techniker begeben sich hinter gesicherte Scheiben. Ich höre sie lachen und die üblichen Scherze machen. Für manche sind wir die Idioten, die hirnlos und wehrlos immer und immer wieder platt gefahren werden. Einige verwechseln uns tatsächlich mit Schaufensterpuppen. Umgekehrt möchte ich nicht in eurer Haut stecken, wenn ihr aus Versehen mit Vollgas an den Baum rast. Ich weiß viel zu gut, welche Kräfte auf euren fragilen Körper wirken. Ein Aufprall mit 50 km/h ist gleichbedeutend mit einem Sturz aus zehn Metern Höhe. Autsch. Oder wie meine beiden Freunde Vince und Larry aus Amerika sagen würden: "You can learn a lot from a Dummy."

      Die beiden sprechenden Dummys sind die Helden in Werbespots des US-Verkehrsministeriums. Sie reißen Witze über Menschen, die keinen Gurt tragen. Kinder lieben die Geschichten, wenn Vince und Larry vormachen, wie das ist, wenn man das 20-fache seiner Körpermasse zu stemmen versucht. Das sind die Kräfte, die beim Unfall bei 30 km/h wirken. Das schafft noch nicht mal der beste Gewichtheber. Aber der Sicherheitsgurt kann es.

      Der erste Dummy: ein Mensch aus Fleisch und Blut

      Eigentlich müsstet ihr uns Plastikmenschen beneiden. Wir bleiben ewig jung und sterben nie. Wenn ich könnte, würde ich jetzt gerne aussteigen und den Besuchern vom allerersten Dummy erzählen. Er war ein Mensch und doch fast einer von uns. Colonel John Paul Stapp stellte sich in den späten 40ern und Anfang der 50er-Jahre freiwillig zur Verfügung. Er misstraute den Tier- und Kadaverversuchen, mit denen man vor uns experimentierte: "Ein Schimpanse kann nicht erzählen, wo es wehtut und ob der Gurt locker sitzt."

      Ein Fall für die Dummyklinik: Im Handum­drehen gibt’s Ersatzteile

      Foto: Enno Kapitza

      Hand Dummy (Quelle: Enno Kapitza)

      Für die U.S. Air Force testete Stapp Schleudersitze, Pilotenhelme und Sicherheitssysteme. Er setzte sich als menschlicher Dummy auf Raketenschlitten und ließ sich auf bis zu 1000 km/h beschleunigen und dann auf null bremsen. Dabei wirkte die 46,2-fache Erdanziehungskraft auf ihn ein. Auf Fotos und alten Filmaufnahmen kann man sehen, wie durch den Luftwiderstand sein Gesicht zur Knete wird. Ein anderer wäre dabei draufgegangen, aber er war einzigartig.

      Nach seinem Vorbild entstanden meine Vorfahren, Urgroßvater Sierra Sam, der vor allem für die Air Force arbeitete. Zur Familie der frühen Dummys zählen auch Stan, der Standardmann, und die VIP-50-Serie, die als "Very Important People" in den 1950er-Jahren für die Autohersteller GM und Ford zum Einsatz kamen. Der erste deutsche Dummy war ein ausgemusterter amerikanischer VIP-50, der unter einem Decknamen zu Mercedes kam. Beim ersten deutschen Crashtest im Jahr 1959 saß ein gewisser Oscar am Steuer. Heute beschäftigen die Stuttgarter einen modernen Klimadummy, der in memoriam Dr. Oscar heißt. Für Crashtests ist sich der Doktor zu fein, dafür wird er schockgefrostet und misst Lufttemperatur, Strömungen und Strahlungswärme. Im Auftrag des Kunden muss mancher Dummy eben auch mal frieren können.

      Es geht los. "Messtechnik?" Okay. "Kamera?" Okay. "Ich beginne jetzt mit dem Countdown", sagt Carsten. »5, 4, 3, 2, 1 und Crash." Stille. Surren. Ein Knall. Die Zuschauer halten sich vor Schreck die Ohren zu. Während es mich nach vorne katapultiert und dann nach hinten in den Sitz schleudert, denke ich an Sisyphos. Er ist mein Idol und ich glaube, die modernen Menschen haben seine Geschichte nie richtig verstanden. Für uns Dummys ist er ein positiver Held. Wir bewundern seine Ausdauer. Wie der Mann unermüdlich einen gewaltigen Felsblock mit aller Kraft einen Hügel hinaufrollt. Doch jedes Mal, wenn er oben angelangt ist und Sisyphos den Stein schon fast über die Kuppe werfen könnte, dreht ihn das Übergewicht zurück. Der Block rollt bergab. Aber Sisyphos gibt nicht auf, er macht immer weiter und stemmt ihn von Neuem Schritt für Schritt nach oben. Wir im AZT machen das genauso. Nach dem Crash ist vor dem Crash. Der Blechschaden wird oben in der Werkstatt repariert. Wenn das Fahrzeug wieder heile ist, kommt es zum Bumper-Test noch mal auf die Crashbahn und wird danach erneut repariert. So geht das für uns Dummys wie bei Sisyphos jahrein, jahraus. Im Unterschied zum griechischen Mythos aber lernen die Forscher jedes Mal viel Neues über das Material, testen Reparaturmethoden und entwickeln Ideen für noch mehr Sicherheit.


      Unsere Tage sind gezählt, sagen die Menschen. In Mountain View/Kalifornien, München und Wolfsburg haben sie Autos erfunden, die selbst fahren. "Autonom" ist das neue Zauberwort. Sensoren überwachen die Straße, während der Exfahrer Däumchen dreht, ein Nickerchen macht oder im Internet surft. Unfälle, so versprechen die Erfinder, wird es nicht mehr geben: "Computer machen keine Fehler."

      "Autonom" ist das neue Zauberwort

      Eine schöne Fantasie. Als ich meiner Dummyfamilie im AZT davon erzählt habe, erhob sich im Dunkeln ein schepperndes Gelächter. Rex, unser großer Hund, kugelte durch den Raum, Oma schnippte trotz gebrochener Finger und der Kopf des BioRid II wippte wie verrückt. Wenn Dummys lachen, klingt das in menschlichen Ohren wie metallisches Knirschen. Plötzlich hörten wir Schritte von oben. Ein Wachmann kam die Treppen heruntergestürzt und machte das Licht an. Wir saßen längst alle wieder auf unseren Stühlen. Alles war wie immer – fast. Wenn jemand genauer hingesehen hätte, wäre aufgefallen, dass das Grinsen auf unseren Gesichtern eine Spur süffisanter war als sonst. Aber so genau achtet ja keiner auf uns. 

      1959 wurde in Deutschland der erste Test mit einem Dummy gefahren. Er hieß Oskar und saß am Steuer eines Mercedes Heckflosse 111.

      20G Das sind die Kräfte, die bei einem Unfall mit 30 km/h wirken.