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      Aydin Büyüktas' Bilder zeigen Istanbul aus einer ganz neuen Perspektive. (Quelle: Aydin Büyüktas)

      1890 "Fliegen" 18. November 2016

      Gute Nacht, Schwerkraft

      Text: Fabian Fuchs
      Foto: Aydin Büyüktas
      Der Traum vom Fliegen ist oft wirklich einer. Die verstörenden Fotografien von Aydin Büyüktas illustrieren, was unser Autor Fabian Fuchs seit Jahren träumend erlebt: Den freien Fall.

      Eine Zeit lang bin ich viel in die Berge gegangen. Ich erinnere mich gut an die Nächte vor dem Gipfeltag, in denen ich schlecht schlief und immer den gleichen Traum hatte: Ich hänge in der Wand, sehe wie über mir langsam eine Sicherung nach der anderen aus der Wand reißt, und ich dann selbst herausfalle. Das Tal wölbt sich im Fallen über mich, ganz ähnlich wie auf den Fotos von Aydin Büyüktas, Heuschober und Bergwiesen mit Kühen klappen über und unter mir zusammen.

      Es ist die Angst des Bergsteigers vor dem Sturz. Aus dem ersten tief erschrockenen Fall wurde bei mir in diesen Träumen dann ein Fliegen oder besser gesagt, eine Art Lufttreten. Ich schwebte halbhoch, als könnte ich mich entscheiden, an die Wand zurückzurudern oder mich doch ganz fallen zu lassen. Meistens aber entschied ich mich für die dritte Möglichkeit: Aufzuwachen und aus der schwerelosen in eine Welt schwerer Augen und Beine zurückzukehren.

      Wo ist oben, wo unten? Aydin Büyüktas' Bilder verzerren die Realität auf spektakuläre Weise.

      Foto: Aydin Büyüktas

      Wo ist oben, wo unten? Aydin Büyüktas' Bilder verzerren die Realität auf spektakuläre Weise. (Quelle: Aydin Büyüktas)

      Wer das Gefühl des Fliegens kennt, nimmt es mit in den Schlaf

      Im Schlaf zu fliegen, das ist ein Klassiker der Traumdeutung und ein handelsüblicher Eskapismus der Menschheit. Abheben, loslassen, im siebten Himmel schweben – das sind positiv besetzte Begriffe, die uns sehr verlockend erscheinen. Wie sonst könnte auch die Behauptung, er würde Flügel verleihen, einen Energydrink seit Jahrzehnten so erfolgreich bewerben? Das Getränk löst das Versprechen wohl nicht ein, der Traum bisweilen schon.

      Vor Jahren bestätigten bei einer Studie mit 6000 Befragten zehn Prozent, dass sie erst kürzlich vom Fliegen geträumt haben. Die größte Gruppe der Traumpiloten waren mittelalte Männer und historisch gesehen stieg die Zahl der Flugträume, je selbstverständlicher echte Flugreisen wurden. Wer das Gefühl des Abhebens kennt, nimmt es mit in den Schlaf. Natürlich mangelt es nicht an klassischen Deutungsversuchen. Am häufigsten beziehen sie sich auf erotisch gefärbte Übersprunghandlungen, C.G. Jung etwa verband mit dem Traumflug auch Dominanzgefühle desjenigen, der über den Dingen steht.

      Das Fußball-Stadion wird bei Aydin Büyüktas zur Rampe.

      Foto: Aydin Büyüktas

      Das Fußball-Stadion wird bei Aydin Büyüktas zur Rampe. (Quelle: Aydin Büyüktas)

      Sigmund Freud konnte eine Kindheitserinnerung darin erkennen, an die Zeit, in der man hochgehoben und voll Freude in die Luft geworfen wurde. Klingt komisch? Vielleicht. Aber das war eben noch vor der flächendeckenden Versorgung mit Flugtickets. Moderne Interpretationen sehen das Fliegen gern als ein Hinwegsetzen über persönliche Probleme: Wer klein gewachsen ist, hat im Flug endlich die vermisste Draufsicht auf die Welt. Wer Sehnsucht oder Heimweh hat, dem wird der Traum ein Aus-Flug aus den Sorgen des Tages. Und während Fall oder Sturzträume auch erschrecken können, gelten reine Flugträume einhellig als angenehme Erfahrungen.

      "Inception" lässt grüßen: Die Parkplatzfläche wölbt sich zur Wand auf.

      Foto: Aydin Büyüktas

      In Aydin Büyüktas' Bildern wölbt sich die Parkplatzfläche zur Wand auf. (Quelle: Aydin Büyüktas)

      Die Schwerkraft loswerden - eine reizvolle Vorstellung

      Vielleicht braucht man deswegen gar nicht einen bestimmten Auslöser zu suchen. Die Schwerkraft loszuwerden, die uns das ganze Leben auf den Boden zieht, das ist ja für sich schon reizvoll. Warum sonst locken so viele Entspannungsübungen im Wachleben mit dem Gefühl von Schwerelosigkeit? Floating und Aerial Yoga etwa oder auch nur die einfache Hängematte im Garten.

      Die Botschaft ist immer die gleiche: Schweben bedeutet Freiheit. Und wenn man derzeit im Fernsehen Menschen mit Riesenbrillen über ihre Abenteuer in der Virtual Reality berichten hört, dann ist das Fliegenwollen das Erste, was ihnen in einem digitalen Vergnügungspark einfällt. Auch in Klarträumer-Foren ist das Fliegen Motivation Nummer eins, um diese komplexe Form der Mediation zu lernen und zu trainieren. Klarträumer können sich bewusst in traumähnliche Szenarien begeben und ihre Erlebnisse dort angeblich aktiv steuern – ohne Computerbrille oder die machtlose Geworfenheit in einen normalen Traum.

      Eine Straße wie eine Achterbahn.

      Foto: Aydin Büyüktas

      In Aydin Büyüktas' Bild wird die Straße zur Achterbahn. (Quelle: Aydin Büyüktas)

      Mit dem Ende der schwierigen Touren hörten auch meine nächtlichen Bergflüge fast ganz auf. Als wären sie einfach ein Teil der Vorbereitung gewesen, so wie das Rucksackpacken oder das Studieren der Karte. Wenn ich heute, sehr selten, nachts doch einmal wieder aus dem Fels falle und unentschlossen über dem Tal schwebe, weiß ich jedenfalls ziemlich sicher, was dieser Traum dann bedeutet: Geh mal wieder in die Berge!


      Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 4/2016 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Fliegen". Alle bisher erschienenen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download.