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      Der Kopf als Kunstwerk. Bilder des Patienten, wie sein Chirurg ihn sah; nachkoloriert (Quelle: Christoph Busse)

      14. September 2016

      Und, wie sieht's aus?

      Text: Veronika Keller
      Foto: Christoph Busse
      Als sie Alexander Poppowitsch aus dem Autowrack zogen, fehlte ihm die Hälfte seines Kopfes. Zehn Operationen später kann er sich wieder im Spiegel anschauen. Die Geschichte einer Genesung.

      Den Mann mit dem Putzlappen wird Alexander Poppowitsch nie vergessen. Wie er ihn vom Bett aus zur Rede stellte, was er in seinem Hotelzimmer verloren habe. Wie der Mann ihn ansah, als hätte er nicht mehr alle Latten am Zaun. Der Lappen, der zu Boden fiel. Der Mann, der aus dem Krankenzimmer stürzte und nach einem Arzt rief. Vielleicht sind die ersten Bilder die bleibendsten, wenn man wiedergeboren wird.

      Es ist der Sommer 2014, als Alexander Poppowitsch sich langsam wieder unter die Lebenden mischt. Um ein Haar wäre es für ihn vorbei gewesen. Ein Lkw hatte im völlig falschen Moment auf die linke Autobahnspur gewechselt – auf seine Spur. Der beherzte Schnitt, mit dem der Notarzt Alexander Poppowitschs Atemwege noch auf der Autobahn öffnete, rettete sein Leben. Das war im Mai, und Poppowitsch lag regungslos in seinem Mercedes. Oder was davon übrig war. Noch weniger als vom Mercedes war von seinem Gesicht übrig.

      Ein Leben auf der Überholspur

      "Na, logisch bin ich im Hotel", dachte Poppowitsch, als er langsam wieder klarer wurde. Sein Bett war das jedenfalls nicht, in dem er da lag, und Hotelzimmer gehörten als Geschäfts­mann zu seinem Leben. Aber das war kein Hotel. Das war eine Klinik. Der Unfall war auf dem Heimweg von einem Meeting in Hamburg pas­siert. Poppowitsch wollte zurück nach Leipzig, in sein Haus, das viel zu groß für ihn alleine ist, und von dem er mit einem Augenzwinkern sagt, er habe es damals ausgesucht, weil es gerade groß genug für sein Ego war. Er war auf dem Beifahrersitz eingeschlafen, ein Kollege saß am Steuer.

      Nach zehn Operationen kann Alexander Poppowitsch wieder zufrieden in den Spiegel schauen.

      Foto: Christoph Busse

      Nach zehn Operationen kann Alexander Poppowitsch wieder recht zufrieden in den Spiegel schauen. (Quelle: Christoph Busse)

      In dem Moment, als der Laster ihn erwischt, ist Alexander Poppowitsch Anfang Vierzig und befindet sich nicht nur im wörtlichen Sinne auf der Überholspur. In seinem Job als Allianz Geschäfsstellenleiter läuft es bestens. Ein Optimist, der seine Mitarbeiter mitreißt. Einer, der alles hat: Erfolg, Geld, Anerkennung. Wenn er sein altes Leben beschreibt, sagt er, er sei zu schnell, zu intensiv unterwegs gewesen. Fürs Persönliche war oft kein Platz. "Würde ich heute meinem früheren Ich begegnen, ich fände mich befremd­lich", sagt er. Manchmal fragt er sich, was ihn hätte bremsen können, wenn nicht dieser Crash auf der A14.

      Die Ärzte haben ihm erzählt, er sei peu à peu wiedergekommen. Anfangs mussten sie ihn im Bett fixieren, weil er sich die Schläuche he­rauszog, die ihn am Leben hielten. Dann fing er an, sich mit seinem Besuch zu unterhalten, Ge­spräche, von denen er kein Wort mehr weiß. Die Erinnerungen ein halbes Jahr vor und nach dem Unfall sind aus seinem Kopf verschwunden. Vor dem Crash soll er in Istanbul Urlaub gemacht haben. Den knallblauen Ford Mustang, der vor seinem Haus steht, habe er sich gekauft, bestätigen seine Eltern. Der Mann mit dem Putzlap­pen und wie er ihn anschnauzte, das ist die erste Erinnerung, die blieb. Aber da war die Zeit im Krankenhaus noch lange nicht vorbei.

      Die Knochen in seinem Schädel zersplitterten wie Glas

      "Mein Auge haben sie eher zufällig gefun­den", sagt Alexander Poppowitsch. Irgendwo hinten im Schädel habe es gesteckt, bei der Com­putertomografie sei es entdeckt worden. Wäh­rend Poppowitschs Körper fast unversehrt blieb, hat der Unfall Teile seines Kopfes regelrecht zertrümmert. In der rechten Gesichtshälfte war nichts mehr da, wo es hingehörte.

      Wie schwer seine Verletzungen waren, ist heute kaum mehr zu erkennen. Augenfällig ist das abgeklebte Brillenglas, das er bald durch eine Spezialkontaktlinse ersetzen will. Das rechte Auge funktioniert zwar fast noch genauso gut wie das linke, aber zusammenarbeiten wollen die bei­den nicht mehr. Wenn er beide Augen benutzt, sieht er doppelt. "Man hat mir gesagt, dass das wohl nichts mehr wird", sagt er. Das hat er akzeptiert, weil er ahnt, dass er ansonsten großes Glück hatte. Auch wenn die rechte Hälfte etwas schief aus­ sieht: Er hat noch sein Gesicht. Und wer weiß, wie er aussähe, wäre er nicht auf einen derart kompe­tenten und motivierten Chirurgen getroffen.

      Alexander Poppowitsch auf dem Weg zurück ins Leben. Hier trainiert er seine Balance.

      Foto: Christoph Busse

      Mit Augenklappe trainiert Alexander Poppowitsch seine Balance. (Quelle: Christoph Busse)

      Professor Thomas Hierl ist nicht der Typ, der schnell zufrieden ist. Neunmal hat er Alexander Poppowitsch schon operiert, die zehnte Operation besprechen sie heute. Der Mund-­Kiefer­-Gesichts­chirurg von der Uniklinik Leipzig betrachtet sein Werk kritisch. Er sieht die starre Stirn, die dunklen Narben auf der Wange, das schräge Auge und den schlaffen Mundwinkel. Außerdem schließt das Augenlid nicht, das will er bei der nächsten OP ändern. "Terminatorschädel" nennt Alexander Poppowitsch seinen neuen Kopf, denn zur Hälfte ist der aus Metall. Das Gerüst seiner rechten Gesichtshälfte hat Professor Hierl aus Ti­tanplatten nachgebaut, indem er die linke Schädelseite gespiegelt hat. "Sie müssen sich seine Knochen vorstellen wie ein Glas, das runtergefal­len ist", sagt Hierl, "sie waren praktisch pulveri­siert, also mussten wir alles neu zusammenfügen." Im OP­-Saal sieht es dann aus wie im Baumarkt. Mit dem Seitenschneider bringen die Ärzte Titanplatten auf die richtige Größe und biegen sie in Form. Drückt man mit dem Finger auf Poppowitschs rechte Wange, fühlt sie sich ganz normal an.

      "Früher war ich schon sehr eitel. Aber da war ich auch deutlich schöner"

      Die Knochen waren ersetzbar, das Problem ist das weiche Gewebe, das beim Unfall komplett verloren ging und schwer nachzubauen ist. Außerdem wurden Nerven durchtrennt, weshalb Poppowitschs Gesichtsmuskeln einseitig immer mehr erschlaffen. Um seine Züge wieder symme­trischer zu machen, hat der Chirurg schon viel versucht: Er hat das Gewebe mit Fäden hochge­ zogen, hat Fett aus dem Bauch in die Wange ge­spritzt, aber noch immer ist Professor Hierl nicht zufrieden. Dass schon die zehnte Operation an­ steht, sei normal, sagt er. Würde man alles auf einmal machen, blieben am Ende nichts als Nar­ben. Alexander Poppowitsch schaut einigerma­ßen gefasst in den Handspiegel. "Früher war ich schon sehr eitel", sagt er, "aber da war ich auch deutlich schöner." Und dann grinst er, so gut er es eben kann.

      Seinen neuen Kopf nennt Poppowitsch "Terminatorschädel". Weil er zur Hälfte aus Titan besteht.

      Foto: Christoph Busse

      Seinen neuen Kopf nennt Poppowitsch "Terminatorschädel". Weil er zur Hälfte aus Titan besteht. (Quelle: Christoph Busse)

      Für Petra Rossner ist ein schweres Schädel­-Hirn­-Trauma nichts Ungewöhnliches. Was Verletzun­gen angeht, hat die Mentaltrainerin viel gesehen. Aber eine Heilung wie die bei ihrem alten Freund Alexander hat sie noch nicht erlebt. Sein Gehirn war ja auch beeinträchtigt. "Du hast am Anfang ganz langsam gesprochen", erinnert sich Petra Rossner. "Und viele Geschichten hast du mir mehrmals erzählt." Poppowitsch verschwindet kurz im Bad. Er muss sein Auge befeuchten, da­ mit es nicht austrocknet, weil es immer offen steht.

      Stück für Stück erobert Poppowitsch sein Gehirn zurück

      Früher fuhr Petra Rossner Radrennen, ge­wann WM­-Titel und olympisches Gold, heute betreut sie Leistungssportler und Manager, die geis­tig fitter werden wollen. Nach seinem Unfall bat auch ihr Freund Alexander um Hilfe. "Früher hätte er mich vom Hof gejagt, wenn ich ihm mit meinen Übungen gekommen wäre", lacht sie und deutet mit dem Kinn in Richtung der Trainings­geräte, die wie Spielsachen aussehen: ein Wackel­brett zum Balancieren, bunte Sandsäckchen, eine Tastatur mit farbigen Knöpfen. Poppowitsch lacht mit. Die mentale Leistungsfähigkeit trainie­ren? Was hätte man da verbessern wollen bei ei­nem, der so erfolgreich wie er Hunderte Mitarbei­ter führt? Aber nach dem Crash war alles anders. Konzentration und Balance waren Poppowitschs Schwachstellen. Anfangs konnte er nicht einmal einen Tischtennisball auf dem Schläger balancie­ ren. Mit Petra Rossner hat er geübt, ein Jahr lang, bis er wieder in der Lage war zu arbeiten. Gemeinsam balancierten sie auf dem Mäuerchen am Su­permarktparkplatz, und alleine machte er seine Hausaufgaben: Er putzte sich die Zähne mit der linken Hand und vertauschte bewusst Messer und Gabel. Stück für Stück eroberte er sein Gehirn zu­rück. Noch nicht alles klappt heute perfekt. Rück­wärts die Treppe hochgehen zum Beispiel ist noch eine harte Nuss. Aber fest steht: Poppowitsch ist wieder da. "Du bist eben erfolgsgeil geboren", sagt Petra und grinst, "das hat dir genützt."

      Seit seinem Unfall kann Alexander Poppowitsch nicht mehr so gut sehen. Aber viel besser zuhören, wenn andere von ihren Schwächen erzählen.

      Foto: Christoph Busse

      Die größte Verändeurng nach dem Unfall fand innerlich statt. (Quelle: Christoph Busse)

      Eine Frage hat sich Petra Rossner immer wieder gestellt: Wann kommt das Loch, wann kommt die Depression? Sie kam nicht. Alexander Poppowitsch hat gekämpft und gewonnen. Gelitten hat er auch, vor allem darunter, alltägliche Dinge nicht tun zu können. Erniedrigend fand er es, dass das Auto­fahren lange nicht ging. Anfangs zog seine Mutter bei ihm ein, um ihm im Alltag zu helfen. Aber er verzweifelte nicht, und er weiß auch warum: "Es lag an all den Menschen", sagt er.

      Über tausend Briefe, Mails und Nachrich­ten hat er bekommen. Ein Kollege brachte ihm gemeinsam gedrehte Filmdokumentationen vor­bei, um Poppowitschs Erinnerungsvermögen zu stimulieren. Ein anderer verzichtete eine Woche auf Umsatz und zog zu ihm ins Krankenhaus. Zwei Vorstände aus der Firma besuchten ihn zu Hause. Sein damaliger Chef bot ihm seine Fahr­dienste an. "Es war irre", erzählt Poppowitsch.

      "Ich habe mich verändert"

      Vor dem Unfall hatten Poppowitsch freund­liche Gesten nie viel bedeutet. Auf einmal bedeu­teten sie alles, wurden sein Halt und seine Hoffnung. Als Poppowitsch noch im Koma lag und seine Mutter, seine Lebensgefährtin und Freunde am Bett standen, brach sein damals 13­-jähriger Sohn das Schweigen: "Das ist der Papa, der schafft doch alles. Wenn es einer schafft, dann er. Für ihn ist das Glas doch immer halb voll!" Solche Geschichten erzählt Poppowitsch heute.

      "Ich habe mich verändert", sagt er. Dank­barer und demütiger sei er geworden. Ein besserer Zuhörer mit Verständnis für Schwächen. Der alte Alexander Poppowitsch ist zwischen Auto­wrack und Leitplanke verloren gegangen. Der neue feiert jetzt zweimal im Jahr Geburtstag.

      Sein Alltag kommt ihm heute vor wie ein Adventskalender. Ab und zu geht unvermittelt ein Türchen auf, dahinter eine Erinnerung, die irgendwo in seinem Gehirn versteckt lag. Neu­lich sah er zufällig das Motorrad, mit dem er vor seinem Unfall geliebäugelt hatte. Er hatte es ver­gessen. Als die Erinnerung wiederkam, kaufte er es. Nicht, dass er darauf fahren könnte, dafür ist sein Gleichgewichtssinn noch zu schwach. Aber ab und zu schaut er es an und stellt sich vor, wie die erste Fahrt sich anfühlen wird. Er ist sich sicher: Bald wird er es wissen.


      Dieser Bericht stammt aus der Ausgabe 3/2016 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" mit dem Themenschwerpunkt "Schmerz". Alle Ausgaben des Magazins stehen in unserer Mediathek zum Download zur Verfügung.

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