Auf ihn kann man bauen. Tragende Säule: Wenn es um Baustellen geht, dann macht Bernd Heitmann kaum jemand was vor
Tragende Säule: Wenn es um Baustellen geht, dann macht Bernd Heitmann kaum jemand was vor. Foto: Julia Unkel

Ob Burj al Arab in Dubai oder Allianz Arena in München – Bernd Heitmann aus dem beschaulichen Olfen im Münsterland mischt oft mit, wenn irgendwo auf der Welt große Gebäude entstehen. Schließlich muss auf solchen Baustellen so einiges versichert werden

Das Burj al Arab reckt sich wie ein gigantisches Segel in den Himmel von Dubai. Gut 320 Meter hoch ist das Luxushotel und zählt 60 Etagen – weshalb den 18 Aufzügen eine ganz besondere Bedeutung zukommt. Die funktionieren bislang. Kein Feuer. Kein Erdbeben. Keine Sabotage. Und der Mann, der alle diese Aufzüge dagegen versichert hat, kommt aus ­Olfen im Münsterland.

Hier sitzt Bernd Heitmann in einem unprätentiösen Büro und lässt gar keinen Zweifel aufkommen, dass er sich mit Architektur auskennt. Dafür muss man keinen Wolkenkratzer konstruiert haben. Ein eigenes Haus reicht. »Das erste Mal baut man für den Feind. Das zweite Mal für den Freund. Und das dritte Mal für sich«, sagt er und lacht. Er selbst hat schon mehrere Häuser gebaut. »Wer erlebt, was beim Bau schiefgehen kann, der entwickelt Demut.« Genug Demut, um sich als Versicherungsfachmann sowohl an Mehrfamilienhäuser als auch an arabische Türme zu wagen.

Heitmann kümmert sich seit 28 Jahren um den Berufsstand des Architekten: Er versichert Bauvorhaben – und alles, was dazugehört. Das werde häufig unterschätzt, sagt er, und listet auf, wer am Bau beteiligt ist: vom Tragwerksplaner über den Baugrundsachverständigen bis hin zum Trockenbauer. Bei größeren Projekten können bis zu 25 Fachingenieure involviert sein, die ihrerseits Abläufe verantworten, die alle aufeinander abgestimmt werden müssen. Risiken lauern überall: Sturm, Diebstahl, Fehler in der Bauaufsicht, Probleme mit dem Material, dem Grundstück, der Baustelle. Es sei immens wichtig, meint der 58-Jährige, diese Zusammenhänge und außerdem die Sprache der Fachleute zu verstehen. Nur so sei es für einen Makler überhaupt möglich, Gefahren zu erkennen, zu bewerten, zu versichern und den Kunden im Schadenfall auch zu begleiten. »Dafür braucht man qualifiziertes Personal. Ein Versicherungsfachmann braucht mindestens vier Jahre, um diese Materie zu durchdringen.«

Windpark Bogdanci

In Rekordzeit von 18 Monaten wurde in Bogdanci an der Grenze zu Griechenland der erste Windpark Mazedoniens gebaut. Erwartet wird, dass er jährlich 100 GWh Strom produ­zieren und damit mehr als 60 000 Menschen versorgen kann. 2017 wurde angekündigt, den Windpark von 16 auf 22 Windräder zu erweitern.

Land Mazedonien
Kapazität 100 GWh pro Jahr
Baubeginn 2013
Fertigstellung 2014

Windpark Bogdanci
Windpark Bogdanci. Foto: Julia Unkel

15 Mitarbeiter beschäftigt die HVV GmbH in ihren Büros in Olfen und München – und hat sich mit der Absicherung für Bauvorhaben auf ein Nischenthema spezialisiert. Der Markt ist klein. Heitmann schätzt ihn auf 400 bis 500 Millionen Euro Beitragsvolumen. Zum Vergleich: Die Allianz allein verzeichnet Beitragseinnahmen von über zehn Milliarden Euro. Weil die Risiken so vielfältig und die Ansprüche an den Versicherungsfachmann so hoch sind, gilt das Segment als besonders anspruchsvoll. Das hat Heitmann von Anfang an gereizt.

Bevor er sich selbstständig machte, arbeitete der promovierte Ökonom zu Beginn der 1990er-Jahre für einen Makler, der sich ausschließlich mit Architekten und Ingenieuren befasste. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich das Unternehmen zu einem der größten deutschen Berufshaftpflichtmakler. Heitmann wurde Generalbevollmächtigter. Ein Prestigeprojekt, das er damals begleitete, war der Bau der Allianz Arena. In dieser Zeit beteiligte er sich auch an der Entwicklung von Sonderkonzepten für so große Vorhaben: Wie können Aufträge optimal versichert werden? Wenn Generalüber- und -unternehmer ins Spiel kommen, die ganz anders versichert sind als Architekten? Wenn man mehrere Versicherer braucht, um die Deckungssumme zu erreichen?

»Wer erlebt, was beim Bau schiefgehen kann, der entwickelt Demut«
Bernd Heitmann

»Bei solch komplexen Strukturen kommt es bei der Schadensabwehr schon mal zur Zerreißprobe«, sagt Heitmann. Bei einer gerichtlichen Klärung können die Auseinandersetzungen zwischen Bauherren und den Versicherern der Baubeteiligten schon mal Jahre dauern. Das heißt fast immer, dass weder Termine noch Kostenkalkulationen eingehalten werden können. »Deswegen haben wir für ambitionierte Projekte die Multibaupolice konzipiert«, sagt Heitmann. Alle Baubeteiligten werden in einer Versicherung zusammengefasst. Das bedeutet: durchgehender Versicherungsschutz, bei dem das Deckungskonzept und die Ver­si­­­cherungs­s­ummen einheitlich sind. Eine solche Police kann etwa die Bauherren-Haftpflicht, die Umwelthaftpflicht, die Umweltschadenversicherung oder die Cyberrisikoversicherung enthalten. »Sie wird natürlich je nach Bedarf angepasst.« Die Multibaupolice ist heute ein wichtiger Baustein in Heitmanns Portfolio. Er und sein Team haben zahlreiche ­große Bauvorhaben auch im Ausland versichert. Dazu gehört etwa der Bau des Aufzugs für das Burj al Arab. Oder ein Windpark in Mazedonien (siehe oben), ein Wasserkraftwerk in Vietnam oder ein Solarwärmekraftwerk in Chile (Seite 12). Oder der Kö-Bogen in Düsseldorf (geplant von Daniel Libeskind) – die Liste ist lang. Neben den technischen He­rausforderungen wird ihm die Arbeit oft dadurch erschwert, dass sich Vorschriften von Land zu Land unterscheiden.

Aber nicht nur für internationale Aufträge muss sich der Fachmakler juristisch weiterbilden. »Auch hierzulande wird dieser Aspekt immer wichtiger«, sagt Heitmann. Denn immer häufiger haben Auftraggeber einen Juristen an ihrer Seite, um dem Architekten einen Vertrag vorzulegen – nicht selten mit Bedingungen, bei denen ein Versicherungsfachmann sofort Alarm schlagen würde. »Viele Architekten glauben, sie seien mit einer Berufshaftpflichtversicherung automatisch versichert, wenn sie einen Fehler machen. Aber so einfach ist das nicht.« Deshalb ist es für Heitmann selbstverständlich, auch die Verträge zu prüfen, die sein Kunde mit dem Auftraggeber aushandelt, ob diese kompatibel sind mit dem abgeschlossenen Versicherungsschutz. Ein Beispiel: »Was wir im Rahmen der Berufshaftpflicht versichern, ist das Bauen nach allgemein anerkannten Regeln der Technik. Oft wollen Auftraggeber aber einen Versicherungsschutz nach dem Stand der Technik.« Ein kleiner, aber bedeutender Unterschied. Denn auf letztere Kondition lassen sich Versicherer nur in Ausnahmefällen ein: zu innovativ, zu risikoreich.

Solarwärmekraftwerk und Photovoltaikanlage

Mit einer Kapazität von 210 Megawatt entsteht inmitten der Atacama-Wüste in Chile die größte Anlage in Südamerika. Der Wärmespeicher des Kraftwerks ist so ausgelegt, dass die Anlage 17,5 Stunden Strom ohne Sonneneinstrahlung liefern kann. Neu bei diesem Kraftwerk ist, dass neben der Kapazität von 110 Megawatt aus dem solarthermischen Kraftwerksblock weitere 100 Megawatt aus Photovoltaik-Anlagen stammen.

Land Chile
Kapazität Pro Jahr 110 Megawatt aus dem solarthermischen Kraftwerksblock und 100 Megawatt aus Photovoltaik-Anlagen
Baubeginn 2014
Fertigstellung 2018

Solarwärmekraftwerk und Photovoltaikanlage
Solarwärmekraftwerk und Photovoltaikanlage. Foto: Julia Unkel

Von Vorteil ist es außerdem, sich im Werkvertragsrecht auszukennen. Danach haftet ein Architekt fünf Jahre nach Abnahme des Baus. Wenn im Vertrag eine längere Nachhaftung gefordert ist, liegt sie außerhalb der gesetzlichen Deckung. Diese und andere Feinheiten kennt nicht jeder.

Heitmann versucht zu helfen. Er findet heraus, ob der Vertragsinhalt versicherungskonform ist und setzt sich gegebenenfalls mit dem Versicherer zusammen, um eine Lösung zu finden. Ziel ist es, den Architekten im Notfall nicht alleine zu lassen. »Wir nennen das präventive Schadenabwehr.« Die setzt schon viel früher an. Heitmann stellt seinem Kunden gleich zu Beginn Fragen, die über das übliche Maß hinausgehen: Welche Qualifikation kann er vorweisen? Wer sind seine Auftraggeber? Wie sehen typische Aufträge aus? »Wir wollen auf einer soliden Basis entscheiden, was versichert werden soll, was versichert werden kann und was der Markt hergibt.«

Hoch spannend findet es Heitmann, wenn dann tatsächlich Schäden auftreten. Dabei sollte ein Architekt wissen, dass er eine gültige Versicherung zum Zeitpunkt seiner Planung haben muss – nicht erst, wenn die Brücke einstürzt oder die Garage unter Wasser steht. Dann nützt ihm die Versicherung gar nichts. Gilt der Schutz, dann »melden wir den Schaden nicht einfach weiter und sagen dem Architekten: ›Sieh zu, wie du damit klarkommst‹«. Heitmann geht mit seinem Team Zeichnungen, Verträge und Berichte seines Kunden durch. Eine Zusammenfassung stellt er dann dem Versicherer zur Verfügung, damit der weniger Arbeit hat. »Allein durch den Zeitvorsprung können wir manchmal Schäden minimieren.«

Um Architekten und Ingenieure zu sensibilisieren, geht Heitmann auch in mittlere oder größere Betriebe und hält Seminare. Das sei zwar sehr wichtig, aber nicht immer leicht umzusetzen. Denn das Personal muss für zwei Stunden freigestellt werden. Heitmann hält auch Vorlesungen an der Universität. »Wenn ich fertig bin, dann sagen manche angehende Architekten, dass sie sich den falschen Beruf ausgesucht hätten.« Bernd Heitmann lacht. Ihm macht seine Arbeit Spaß. »Der Schutz für Architekten und Bauingenieure ist die Königsdisziplin in der Haftpflichtversicherung«, sagt er, und es klingt fast feierlich. Mit seiner Begeisterung hat er seine Tochter und seinen Sohn bereits angesteckt. Sie werden irgendwann in die Firma einsteigen. Ganz sicher.

Wasserkraftwerk Lai Châu

Die Wasserkraft gilt als der wichtigste Energielieferant in Vietnam. Das Potenzial scheint noch nicht ausgeschöpft. Das Wasserkraftwerk in Lai Châu liefert 4,7 Milliarden Kilowatt und ist heute ein Besuchermagnet. Der Staudamm verfügt über ein Fassungsvermögen von fast zwei Millionen Kubikmetern und ist 137 Meter hoch.

Land Vietnam
Kapazität 4,7 Milliarden Kilowatt pro Jahr
Baubeginn 2011
Fertigstellung 2016

Wasserkraftwerk Lai Châu
Wasserkraftwerk Lai Chou. Foto: Julia Unkel

Agirgöls neueste Idee zur Kundengewinnung ist ein Auftritt im Fernsehen. Der Sender ShowTürk TV, der in Deutschland viel gesehen wird, hat ihn zu einer Talkshow eingeladen. Er freut sich schon darauf und wundert sich, warum das Medium so wenige Vermittler nutzen. »Oder kennen Sie Versi­cherungsvertreter, die sich auf dem Bildschirm präsentieren? Dabei vertrauen viele Menschen dem Fernsehen, das ist doch eine Chance.« Der Clou aber soll ein Werbespot in eigener Sache werden, der mit großem Aufwand und prominenten Schauspielern in der Türkei gedreht wurde. »Viele meiner Landsleute gucken sich abends die beliebten Serien an, und genau da erreiche ich sie in der Werbepause mit meiner Botschaft.« Agirgöl zückt sein Handy und zeigt das Video, das er mit 15 000 Euro aus eigener Tasche finanziert hat.

Der witzige Clip erzählt die Geschichte einer jungen ­Familie mit Kind, die vom Vermieter plötzlich vor die Tür gesetzt wird. Wundersame Wende: Ein freundlicher Mann im schicken Anzug vermittelt den Verzweifelten eine Baufinanzierung der Allianz. Das Happy End: ein Traumhaus mit Garten. Agirgöl spielt den Retter mit Selbstironie – und macht am Ende des kurzen Films ein Selfie mit der Familie. Klick. Das Foto hängt er wie ein Trophäe im Büro auf, wo schon viele andere glückliche Kunden zu sehen sind. »Die Allianz ist mit dir und deinen Liebsten«, sagt eine sanfte Stimme auf Türkisch. »Den Spruch hab ich mir selbst ausgedacht«, sagt Agirgöl, nimmt einen roten Apfel aus einer Obstkiste, lacht und beißt kraftvoll hinein.

Risiken lauern überall

Bei größeren Bauprojekten kommt es häufig vor, dass jeder Baubeteiligte eigene Versicherungen abschließt, die sich in ihren Konzepten, Bedingungen und Deckungssummen unterscheiden. Im Falle eines Schadens kann das zu erheblichen Konflikten zwischen den Versicherern führen. Heitmann bietet deswegen eine Multibaupolice an, die alle zu versichernden Risiken in einer Versicherung bündelt. Das bedeutet durchge­hender Versicherungsschutz mit einheitlichem Deckungskonzept und Versicherungssummen.

Die zentralen Inhalte der Multibaupolice sind: Bauherren-Haftpflicht, Betriebshaftpflicht für alle ausführenden Unternehmer, Berufshaftpflicht für alle Planer, erweiterte Planungshaftpflicht für alle ausführenden Unternehmer, die gleichzeitig Planungsleistungen erbringen, Umwelthaftpflicht, Umweltschadensversicherung, Bauleistungs- und Montageversicherung, Bauleistungs- und Betriebs­unter­brechungsversicherung und Cyber­risiko­versicherung.

Hand drauf: Heitmann ist Experte in Sachen Bau. Er will Architekten und Ingenieure vor den Auswirkungen  von Fehlern schützen
Hand drauf: Heitmann ist Experte in Sachen Bau. Er will Architekten und Ingenieure vor den Auswirkungen von Fehlern schützen. Foto: Julia Unkel

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  • baustelle-versichern-allianz-1: Julia Unkel