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       (Quelle: istockphoto/Bliznetsov)

      1890 Ausgabe "Kinder" 27. Oktober 2017

      Armes Schwein

      Text: Christian Gottwalt
      Foto: istockphoto/Bliznetsov
      Kinder brauchen Taschengeld, damit sie den Umgang mit Geld lernen. Unser Autor ist da komplett anderer Meinung.

      Meine Spardose damals war gelb und hatte die Form eines Bienenstocks. In ihr wohnte Sumsi, die fleißige Sparbiene. Am Weltspartag ging es mit der Dose auf die Bank, wo ein Mann mit Krawatte sie öffnete, die Münzen auf den Tresen schüttete, von Hand zählte und den Betrag ins ebenfalls mitgebrachte Sparbuch schrieb. Danach wurden die Zinserträge berechnet und ebenfalls eingetragen. Und es gab Geschenke von der Bank.

      Um zwischen den Weltspartagen an das Geld in der Dose zu kommen, musste man die innen am Sparschlitz angebrachten Zähne einseitig abbrechen. Dann ließen sich die Münzen einzeln mit einem Messer herausmanövrieren. Das war natürlich nicht leicht. Erbeutete Pfennige und Groschen wanderten wieder zurück, aber wenn eine Mark aus dem Schlitz fiel, gab es Brauner Bär und Brausepulver.

      Kapital wächst umso nachhaltiger, je schwerer man herankommt

      Rückte der Weltspartag näher, war es geboten, sich nicht allzu oft an der Dose zu bedienen, damit keiner den Selbstbetrug bemerkte. Rückblickend nahm ich im Umgang mit meiner Spardose neben einer gewissen Fingerfertigkeit vor allem die Erkenntnis mit, dass Kapital umso nachhaltiger wächst, je schwerer man an das Ersparte wieder herankommt.

      Mein Sohn kommt jetzt ins Sumsi-Alter. Allerdings interessiert er sich nicht für Geld. Für Süßigkeiten und Sammelbildchen auch nicht. Kürzlich stellte ich ihm unser langjährig gesammeltes Kleingeld vor die Nase, eine Schüssel mit drei Kilo Metall darin. Wenn er das sortiere, nach Euro, Pfennigen und Auslandsmünzen, würde ich mit ihm zur Bank gehen und die Euro seinem Sparkonto gutschreiben. Er: Schulterzucken.

      Sollten wir Taschengeld nicht längst in Bitcoins auszahlen? 

      Bei meinem Sohn besteht im Moment das Erziehungsziel darin, dass er sich überhaupt mal was kauft. Ich weiß, ein Luxusproblem, und ich will mich auch nicht beklagen. Trotzdem stellt sich derzeit die Frage nach dem Taschengeld. Was dessen Höhe angeht – dazu gibt es Tabellen mit Empfehlungen im Internet. Was nicht im Internet steht: Ob Taschengeld heute überhaupt noch Sinn ergibt.

      Das Argument für Taschengeld lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Kinder sollen den eigenverantwortlichen Umgang mit dem Geld lernen. Ich bin da anderer Meinung. Erstens: Der Weltspartag hat seinen Reiz verloren, seit sich die Zinsen auf Sparguthaben im Promillebereich bewegen. Gleichzeitig befinden sich auch die Münzen selbst auf dem Rückzug. Erste EU-Staaten prägen keine Cents mehr, und Ökonomen diskutieren die vollständige Abschaffung des Bargelds. Eingekauft wird bald nur noch mit Geheimzahl, Unterschrift und Fingerabdruck. Münzen in eine Spardose zu packen, erscheint mir da in etwa so zeitgemäß, wie Briefmarken in ein Album zu sortieren. Das Kind sollte sich besser mit Bitcoins beschäftigen.

      Nachfrage und Angebot bestimmen den Preis: Finanzbildung lässt sich hervorragend auf dem Flohmarkt vermitteln. Und Spaß macht das Handeln obendrein.

      Foto: Detailfoto

      Nachfrage und Angebot bestimmen den Preis: Finanzbildung lässt sich hervorragend auf dem Flohmarkt vermitteln. Und Spaß macht das Handeln obendrein. (Quelle: Detailfoto)

      Kinder gucken sich den Umgang mit Geld von den Eltern ab

      Zweitens: Was ist Taschengeld überhaupt? Hat es nicht den Charakter einer unverdienten Sozialleistung? Sollte man nicht besser, der Logik unserer Gesellschaftsordnung folgend, Leistung honorieren, also gute Noten bezahlen? Und weiter: Was wird vom Taschengeld gekauft? Doch genau das, was man dem Kind sonst verwehrt. Animiert es nicht als Widersetzungsgeld zum Konsum verbotener Dinge?

      Alles zusammengenommen und überspitzt gedacht: Ziehe ich mir da nicht einen heran, der sich Drogen kauft und dem Staat auf der Tasche liegt? Drittens verleitet auf Seiten der Eltern Taschengeld zu der irrigen Annahme, dass man seinem Kind nur ein paar Scheine in die Hand zu drücken brauche und schon habe sich die Sache mit dem Geld erledigt. Bei der Gelderziehung sollte man sich vielmehr bewusst sein, dass sich Kinder das meiste abschauen, weshalb sich der eigene Umgang mit dem Geld im Kind widerspiegeln dürfte. Hat man als Vater seine Spontan- und Firlefanzkäufe im Griff, stehen die Chancen auf einen Sohn mit gesundem Konsumverhalten gut.

      Der Flohmarktbesuch als Unterrichtsstunde in Sachen Finanzen

      Was die fachspezifische Geldausbildung angeht, wäre es schön, wenn die Schulen einen da unterstützen würden. Eine Bank hat mal, interessantes Konzept, 6000 Schüler gefragt, welche Note sie sich selbst beim Thema Geld geben würden: 3,6 kam als Durchschnitt heraus. Daran sieht man, dass dem Wirtschaftsunterricht, so es ihn überhaupt gibt, jeglicher Praxisbezug fehlt. Der Kreislauf der Wirtschaft nützt einem nämlich gar nichts, wenn den eigenen Finanzen der Infarkt droht.

      In Sachen Geld organisiert man die Ausbildung der Kinder also besser selbst. Lohn, Gehalt, Steuern, Sozialabgaben, Arbeitslosengeld, Altersvorsorge, Lebensversicherung, Kredit, Rücklagen, Aktien, Fonds, Anleihen, Haushaltsbuch, Budget, Girokonto, Kreditkarte und Onlinebanking wären einige der Unterrichtskapitel. Ich habe jetzt mit dem Unterrichtsthema "Flohmarkt" begonnen. Kürzlich verkaufte mein Sohn dort eine Spiderman-Maske. Nach zwei Minuten war das Ding für drei Euro weg. Es war also zu billig im Angebot. Ich hätte ihm raten sollen, bei 20 Euro anzufangen und so lange den Preis zu senken, bis einer zuschlägt. Leider kam mir die Idee erst hinterher. Beim Thema Geld lernt man halt nie aus.


      Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 3/2017 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Kinder". Alle bisherigen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download sowie als App für Apple-Geräte in itunes und für Android bei Google Play.