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      Arjen Robben, Stürmer des FC Bayern München (Quelle: Christian Kaufmann)

      6. Juli 2016

      Arjen Robben: "Schmerz ist nie das Problem"

      Text: Niclas Müller und Mario Vigl
      Foto: Christian Kaufmann
      Profifußball, eine einzige Quälerei. Noch schlimmer ist nur: nicht mitspielen zu dürfen. Ein Interview mit Arjen Robben, bei dem wir bis an die Schmerzgrenze gegangen sind.

      Herr Robben, "ein guter Stürmer muss dahin gehen, wo es wehtut", heißt es. Wo genau ist das?

      Im Strafraum, bei einem Zweikampf in der Luft. Eine Flanke kommt rein, der Verteidiger läuft in Position, der Torwart springt raus ... Da musst du aufpassen, dass du keinen Schlag abkriegst. Es kann dich überall erwischen.

      Nirgendwo ist man noch sicher?

      Ja, das Spiel ist so schnell. Aber man darf keine Angst haben. Du musst jeden Zweikampf mit Überzeugung angehen. Wer nur halb hingeht, hat verloren.

      Was macht ein Verteidiger, der sich bei Ihnen "Respekt verschaffen" will?

      Das passiert oft im ersten Zweikampf. Da gewährt der Schiedsrichter noch Freiheiten, er will ja nicht sofort Gelb oder Rot geben. Das nutzen manche Verteidiger, um mit dem ersten Foul ein Zeichen zu setzen. Manchmal wird es sogar vom Trainer vorgegeben: "Zeig ihm gleich am Anfang, dass du da bist!"

      Was ist besonders fies?

      Normalerweise geht es auf die Unterschenkel, sonst hätte es nichts mehr mit Fußball zu tun. Waden, Schienbeine und Sprunggelenke kriegen am meisten ab.

      Bringen Schienbeinschoner etwas?

      Ja, aber nur ein bisschen.

      Was tut mehr weh: ein Muskelabriss, ein Bein- oder ein Mittelfußbruch?

      Ein Bänderriss im Sprunggelenk ist sehr unangenehm. Aber der Schmerz ist nie das Problem. Manchmal tut etwas sehr weh, aber es ist gar nicht so schlimm. Der Schmerz sagt nicht unbedingt etwas über den Ernst einer Verletzung aus. Ich glaube, das Schlimmste, was ich je hatte, war eine Schambeinentzündung – weil ich überhaupt keinen Zeitplan hatte. Normalerweise weißt du, wann du wieder fit bist. Aber dabei nicht. Das war vom Kopf her das Schwierigste.

      Und was war rein körperlich der schlimmste Schmerz?

      Das war 2013 in Augsburg. Der Torwart grätschte in mich rein, ein Stollen bohrte sich durch meine Haut ins Knie. Es blutete sehr stark und der Knochen wurde drei Millimeter nach innen gedrückt. Am Ende war es aber gar nicht so schlimm, da kein Band getroffen wurde.

      Arjen Robben: "Ein Tor schmerzt den Gegener am meisten"

      Foto: Christian Kaufmann

      Arjen Robben, Stürmer des FC Bayern München (Quelle: Christian Kaufmann)

      Gibt es versteckte Fouls, die keine Fernsehkamera aufzeichnet?

      Ja, natürlich. Da wird immer noch viel versucht. Festhalten zum Beispiel, wenn alle Augen ganz woanders sind.

      Wie wehren Sie sich als Stürmer?

      Du kannst dem Verteidiger nur wehtun, wenn du einen entscheidenden Pass spielst oder ein Tor schießt. Das schmerzt den Gegner am meisten.

      Wie lange schmerzt es, ein wichtiges Spiel zu verlieren?

      Ein großes Spiel zu verlieren, vor allem ein Finale, das bleibt für immer bei dir. Die Erinnerung wirst du nie los.

      Sie haben 2012 das Champions-League-Endspiel "dahoam" gegen Chelsea verloren. Wahrscheinlich auch, weil Sie in der Verlängerung beim Stand von 1:1 einen Elfer verschossen. Tut der Gedanke noch weh?

      Ja, aber ich vermeide ihn. Nur wenn das Spiel zufällig im Fernsehen läuft, denke ich noch daran. Zum Glück bekommt man manchmal eine zweite Chance ...

      Trotzdem: Wie ging es Ihnen, als Petr Cech Ihren Elfer parierte?

      Da war der Schmerz sofort da, aber nur kurz. Ich musste ja weiterspielen. Erst mit dem Abpfiff wurde es richtig schlimm.

      2013 gewannen Sie den Wettbewerb dann im Finale von London gegen Borussia Dortmund. War dieser Sieg dann besonders süß?

      Ja, es war eine wahnsinnige Leistung, nach so einer schweren Niederlage zurückzukommen. Aber auch Erfolge sind im Fußball nicht von Dauer. Es bleibt nur wenig Zeit, um sie zu genießen. Du startest jede Saison mit null Punkten.

      Macht Druck Bauchschmerzen?

      Bei mir nicht. Ich empfinde das als etwas Schönes. Du willst ja auf höchstem Niveau spielen, da gehört Druck dazu.

      Sie haben beides durchgemacht: Was tut mehr weh – ein vergeigtes Champions-League- oder ein WM-Finale?

      Beides. Aber das WM-Finale 2010 schmerzt inzwischen etwas mehr, denn ich weiß nicht, ob ich diese Chance jemals wieder bekomme.

      "Es ist wie mit allem, was wehtut: Es vergeht mit der Zeit"

      Wie gehen Sie mit dem Schmerz nach einer großen Niederlage um?

      Der Tag eines Finales ist intensiv. Direkt danach bist du tieftraurig, wirklich am Boden. Und dann geht das Leben langsam weiter – die Fußballkarriere, aber auch das Leben zu Hause. Du kannst nicht sagen: Ich bin jetzt eine Woche raus. Du kannst es nicht mehr ändern, du musst es irgendwie verkraften. Das ist nicht schön. Immer, wenn du daran zurückdenkst, kommt der Schmerz. Aber dann ist es wie mit allem, was wehtut, ob im Sport oder privat: Es vergeht mit der Zeit. Immer ein kleines bisschen mehr. Aber ganz weg geht es nie.

      Klingt wie die Phasen eines Trauerprozesses – vom Nicht-wahrhaben-Wollen über Zorn bis Akzeptanz.

      Ja, es gibt verschiedene Phasen, und die Emotionen sind gemischt: Man ist traurig, wütend oder einfach fassungslos. Aber wir reden immer noch über Sport, nicht über Leben oder Tod.

      Was hilft Ihnen aus dem Tief?

      Ich habe drei Kinder zu Hause. Sie sind acht, sechs und vier Jahre alt – da kommt die Ablenkung ganz automatisch. Kinder sind die besten Vorbilder, um zu sehen, wie es immer weitergeht. Die können mal "schade" sagen, sauer oder traurig sein, auch weinen. Im nächsten Moment spielen sie so fröhlich im Garten, als sei nichts passiert.

      Arjen Robben: "Ich will nicht verlieren. Nie!"

      Foto: Christian Kaufmann

      Arjen Robben, Stürmer des FC Bayern München (Quelle: Christian Kaufmann)

      Können Sie sich noch daran erinnern, wie Sie als Kind mit Pleiten umgingen?

      Oh je, ich war ein ganz schlechter Verlierer. Als ich klein war, flossen da Tränen bei mir, auch in der Schule. Verlieren kam in meinem Wortschatz nicht vor.

      Wer tröstete Sie?

      Da musste ich selbst durch, meine Eltern haben mich in solchen Situationen eher in Ruhe gelassen.

      Lässt sich sagen: Wem eine Niederlage nicht wehtut, der wird auch kein Profi?

      Ich glaube schon. Sicher gehört es zu meinem Charakter, unbedingt gewinnen zu wollen. Aber du musst als Profi auch wissen, was eine Niederlage bedeutet. Es gibt keinen Sportler auf der Welt, der nur gewinnt. Und manchmal wirst du durch Verlieren sogar stärker.

      Hat sich Ihr Umgang mit Niederlagen inzwischen verändert?

      Ich muss zwar nicht mehr weinen, aber eigentlich bleibt es immer das Gleiche: Ich will nicht verlieren. Kein Bundesligaspiel, kein Pokalspiel, kein Champions-League-Spiel. Nie! Ich will auch zu Hause nicht verlieren, wenn ich mit meiner Frau oder meiner Familie ein Brettspiel oder Karten spiele. Es ist vielleicht ein bisschen weniger geworden, aber es ist halt seit meiner Kindheit so in mir drin.

      Kennen Sie Spieler, die sehr viel Talent hatten, aber nicht genug Willen?

      Da gibt es viele. Ich bin überzeugt, dass die Mentalität ausschlaggebend ist, ob einer Profi wird oder nicht.

      Muss man schmerzresistent sein?

      Das ist nicht das Entscheidende. Du musst einen klaren Kopf haben, einen Plan: Was kann ich? Was kann ich nicht? Wo kann ich mich verbessern? Ich hatte immer den Ehrgeiz, der Beste zu werden. Um ein richtig hohes Niveau zu erreichen, darfst du nicht denken: "Geschafft!" – nur weil du einmal mit den Profis trainiert oder dein erstes Spiel gemacht hast. Das ist nur ein Anfang.

      "Du musst da jetzt durch, auch wenn es wehtut."

      Wie oft kommen Sie im Training an Ihre Schmerzgrenze?

      Fußball macht mir viel Spaß, auch im Training. Trotzdem gibt es Situationen, in denen du beißen musst. In Sprintübungen mit vielen Wiederholungen zum Beispiel. Sprint Nummer eins und zwei gehen noch, aber der sechsunddreißigste kostet richtig Kraft. Da ist dein Kopf gefragt, um zu sagen: "Du musst da jetzt durch, auch wenn es wehtut."

      Wenn Ihre Muskulatur hart arbeitet, entsteht Laktat. Irgendwann ist die Konzentration so hoch, dass es nur noch brennt. Wie viel vertragen Sie?

      Wir machen Laktattests, aber meine Maximalwerte kenne ich nicht. Ich weiß nur, dass sie immer gut sind. Ich kann durchhalten, das ist nicht das Problem.

      Muss eine gute Massage wehtun?

      Manchmal, ja. Wenn die Muskulatur entspannen soll und richtig fest ist, dann bringt es nichts, nur herumzuspielen. Eine Massage ist nicht immer angenehm, aber im Nachhinein nützt sie.

      Wie sehr schmerzen Eisbäder?

      Mal mehr, mal weniger. Aber drei, vier, fünf Minuten bleibe ich schon drin. Das reicht, um zu regenerieren, sagen unsere Fitness-Jungs. Es gibt Leute, die müssen nach zehn Sekunden wieder raus.

      Haben Sie mal alternative Verfahren wie Akupunktur ausprobiert?

      Ja. Ich glaube, ich habe in meiner Karriere leider schon alles probiert.

      Wie weh tut es, zuschauen zu müssen?

      Ein Eisbad ist nichts dagegen. Wenn ich wie in der letzten Saison im Viertel- und Halbfinale der Champions League nicht spielen kann, ist es das Schlimmste.

      Arjen Robben im Interview mit Niclas Müller (li.) und Mario Vigl (re.).

      Foto: Christian Kaufmann

      Arjen Robben im Interview mit Niclas Müller (li.) und Mario Vigl (re.). (Quelle: Christian Kaufmann)

      Ihre Mannschaft schied gegen Atletico Madrid aus – wäre es erträglicher gewesen, wenn Sie mitgespielt hätten?

      Zumindest hätte ich alles geben können.

      Einer Ihrer Söhne spielt in einem kleinen Verein. Wie ehrgeizig ist er?

      Er ist da entspannter als ich früher. Aber schlecht verlieren können eigentlich alle unsere drei.

      Wenn Sie gemeinsam im Garten kicken, muss das ja schrecklich sein.

      Das geht schon. Mein Jüngster ist vier und hat natürlich noch keine Chance. Da lässt ihn der Große auch mal gewinnen oder ein Tor schießen. Dann ist alles gut.

      Kennen Sie "Helikopter-Eltern", die ständig um ihre Kinder kreisen, damit nie etwas schiefgeht?

      Da bin ich anders. Wir Holländer sind da ein bisschen lockerer und freier. Kinder müssen selbst lernen, Risiken einzuschätzen. Es darf natürlich nichts Ernsthaftes passieren. Aber du kannst auch mal sagen: "Junge, mach das nicht!" Und wenn er nicht hört, ist er selbst schuld und hat eine Erfahrung gemacht. Da gibt es schon einen Unterschied zwischen Holländern und Deutschen.

      Warum ist das so?

      Das ist ja normal, jede Kultur ist anders. Wo meine Frau und ich immer lachen müssen: Die deutschen Eltern setzen Kindern noch bei 15 Grad eine Mütze auf. Wir fragen uns immer: Mein Gott, warum? Es ist doch 15 Grad. Bei minus zehn, okay, dann setzen wir auch eine Mütze auf! Aber so finden meine Frau und ich das ziemlich lustig.

      Sie arbeiten derzeit daran, bis zum Bundesliga-Start Ende August wieder fit zu werden. Die EM wäre für Sie ohnehin ausgefallen, weil sich die Niederlande nicht qualiziert haben. Werden Sie das Turnier im Fernsehen verfolgen?

      Kann sein, dass ich mir das gar nicht anschaue.

      Zu schmerzhaft?

      Ja.


      Dieses Interview stammt aus der Ausgabe 3/2016 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" mit dem Themenschwerpunkt "Schmerz". Alle Ausgaben des Magazins stehen in unserer Mediathek zum Download zur Verfügung.

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