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    • Alterspflege in Thailand: 24-h-Betreuung mit Familienanschluss
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      Alterspflege unter Palmen: In Chiang Mai erhalten Senioren eine Rundumbetreuung. (Quelle: Enno Kapitza)

      13. Mai 2015

      Chiang Mai: 24-Stunden-Pflege mit Familienanschluss

      Text: Katharina Fuhrin
      Foto: Enno Kapitza
      Thailand ist nicht nur beliebt bei jungen Rucksacktouristen. Im Norden des Landes hat der Schweizer Martin Woodtli ein ungewöhnliches Heim etabliert.

      Wenn Gerri am Morgen aufwacht, liegt neben ihm Chanja. Möchte er im Dorf spazieren, begleitet ihn Chanja. Geht ihm etwas im Kopf herum, erzählt er es Chanja. Sie macht ihm das Abendessen und passt auf, dass er genug isst, sie sucht die Kleidung aus, die er trägt, sie streichelt ihn, wenn er unruhig wird, und sie legt seine Lieblingsmusik auf, um mit ihm zu tanzen. Chanja ist nicht Gerris Frau, auch nicht seine Schwester oder Tochter. Und doch gehört er für sie zur Familie. Bis sie ihn nach ihrer Schicht an eine Kollegin übergibt.

      Im Norden Thailands hat der Schweizer Martin Woodtli eine Möglichkeit gefunden, Menschen mit Alzheimer betreuen zu lassen, ohne dass sie dafür in ein klassisches Heim einziehen müssen. Wer seine pflegebedürftigen Angehörigen zu ihm ins "Baan Kamlangchay" schickt, rund 9000 Kilometer von Deutschland entfernt, dem geht es nicht um eine billige Alternative im Ausland. Mit 3500 Schweizer Franken, umgerechnet knapp 2900 Euro im Monat, kostet ein Platz deutlich mehr als die derzeitige Standardrente in Deutschland (rund 1100 Euro) und für thailändische Verhältnisse ein Vermögen. Doch dafür bietet die Einrichtung etwas, das sonst für kein Geld zu haben ist: eine 24-Stunden-Betreuung mit Familienanschluss.

      Familiäre Heimleitung: Peter Woodtli, seine Frau Nid und Sohn Pepino.

      Foto: Enno Kapitza

      Familiäre Heimleitung: Peter Woodtli, seine Frau Nid und Sohn Pepino. (Quelle: Enno Kapitza)

      Eine Altersresidenz wie ein Feriendorf

      Für Elisabeth und Margrit gibt es an diesem Abend Reis mit süßsaurem Fisch vom Markt. Die Zwiebeln, die Elisabeth nicht gut verträgt, hat Pflegerin Mey für sie schon herausgepickt. Elisabeth ist 92, Margrit wird in einigen Monaten 70. Beide sind körperlich fit und auch sonst gut drauf. Sie teilen sich ein Haus mit Wohnzimmer, offener Küche, zwei Bädern und zwei kleinen Schlafzimmern. Außerdem haben sie einen Raum, in dem ihre Haushaltshilfe die Wäsche trocknen lässt und sie anschließend bügelt.

      Zu der WG gehören auch Elisabeths und Margrits Pflegerinnen. Neben Mey ist Phung heute da, die mit den beiden Damen am Esstisch sitzt. Nach ein paar Happen Fisch von ihrem eigenen Teller schaut sie zu Margrit und gibt ihr noch etwas Soße auf den trockenen Reis. Mey ist währenddessen mit Elisabeths Haaren beschäftigt, die Lockenwickler müssen raus. Einer nach dem anderen landet neben der Schale mit dem Fisch. Elisabeth genießt das Kämmen und Toupieren. "Machst du mich zu einem hübschen Mädchen?", fragt sie amüsiert.

      Kopfsache: Margrits Krankheit lässt sie vieles vergessen, aber mit ihrer Pflegerin hat sie noch schöne Momente.

      Foto: Enno Kapitza

      Kopfsache: Margrits Krankheit lässt sie vieles vergessen, aber mit ihrer Pflegerin hat sie noch schöne Momente. (Quelle: Enno Kapitza)

      Elisabeth hat seit ihrer Kindheit sehr oft im Ausland gelebt. Einige Jahre ist sie in England zur Schule gegangen, später hat sie ihre drei Töchter in Indien zur Welt gebracht. Hier in Thailand spricht sie lieber Englisch als Deutsch. Von ihrem Bett aus, in dem sie auch tagsüber gerne ein Nickerchen hält, blickt sie auf zwei DIN-A4-Zettel, die an ihrem Schrank hängen. "I am in Thailand", steht auf dem einen. "I am on holiday", auf dem anderen. Ihr Urlaub dauert jetzt fünf Jahre.

      "Pfleger und Gast verbringen so viel Zeit miteinander, da entsteht eine intensive Verbundenheit."

      "Wissen Sie, wo ich bin?", fragt Elisabeth dennoch mehrmals am Tag. "Wann kann ich nach Hause?" Sie wird jedes Mal traurig, wenn sie die wahre Antwort hört. Ihre Pflegerinnen halten sich nicht an die Mär vom Urlaub. Aber Elisabeth mag das warme Wetter, die freundlichen Leute und die exotischen Pflanzen, die im Dorf wachsen. Auf jedem Spaziergang zählt Mey ihr die Namen auf.

      Ausflug ins Grüne: Ihre Pflegerinnen begleiten Elisabeth auf Spaziergängen durch die tropische Gegend.

      Foto: Enno Kapitza

      Die Pflegerinnen begleiten die Heimbewohner auf Spaziergängen durch die tropische Gegend. (Quelle: Enno Kapitza)

      Weil die Demenz Elisabeth noch klare Momente lässt und sie sich gern unterhält, hat Woodtli für sie Pflegerinnen mit guten Englischkenntnissen ausgesucht. Das ist nicht das einzige Kriterium bei der Zuteilung. "Es ist ein Experimentieren wie bei einer Paarvermittlung", sagt Woodtli. "Sympathie und Antipathie spielen eine große Rolle. Pfleger und Gast verbringen so viel Zeit miteinander, da entsteht eine intensive Verbundenheit."

      Auf jeden Gast kommen drei persönliche Pflegekräfte, die sich abwechseln. Eine Schicht dauert von 8 bis 16 Uhr, die andere von 16 bis 8 Uhr. So ist rund um die Uhr eine feste Bezugsperson für die Pflegebedürftigen da. Beim Essen, beim Schlafen, beim Waschen und vor allem dazwischen. "Dieses innere Abdriften durch Langeweile, das man in vielen Heimen beobachten kann, versuchen wir hier zu vermeiden", sagt Woodtli.

      "Ich spüre das irgendwie, was er gerade braucht"

      Sechs Häuser hat er für seine Gäste teils gekauft, teils gemietet, die verteilt in dem 2000-Einwohner-Dorf Faham stehen. In jedem Haus können zwei bis drei Bewohner leben, insgesamt nimmt Woodtli aber nie mehr als 14 Gäste auf. Das siebte Haus ist das Haupthaus, in dem Woodtli mit seiner Frau Nid und dem vierjährigen Sohn Pepino wohnt. Auf der großen Terrasse gibt es morgens Bircher Müsli und Graubrot für alle zum Frühstück, am Mittag bereitet der Koch ein Essen nach europäischem Geschmack zu. Feste Zeiten gibt es nicht, die Bewohner kommen mit ihren Pflegern Hand in Hand und unter einem großen Sonnenschirm, wenn sie Lust und Hunger haben.

      Auf dem achten Grundstück hat Woodtli einen kleinen Park mit Terrasse, Pool und Buddha anlegen lassen. Hier treffen sich alle am Vormittag und noch einmal am Nachmittag, um Obst zu essen oder einfach gemeinsam Zeit zu verbringen. Elisabeth spielt hier gerne Karten, der 59-jährige Beda Badminton. Die Pfleger setzen sich manchmal auch einfach rund um den großen Tisch, ihren Schützling jeweils neben sich. Sie unterhalten sich dann und machen Scherze, knuffen den Senioren in die Seite oder wuscheln ihnen durch die Haare. Die Gäste lachen mit. Sie verstehen zwar kein Thai, aber viele sind ohnehin in einem Stadium, in dem sie auf gar keine Sprache mehr reagieren.

      Alte Schule: Gerri gibt Betreuerin Chanja einen Handkuss, nachdem sie zu Schweizer Liedern getanzt haben.

      Foto: Enno Kapitza

      Alterspflege in Chiangmai: Mit den Pflegerinnen wird auch zu Schweizer Liedern getanzt. (Quelle: Enno Kapitza)

      "Ich spüre das irgendwie, was er gerade braucht", sagt Pflegerin Chanja, die sich um Gerri kümmert. Gerri ist 64 und ständig in Bewegung. Wenn die anderen ihr Obst essen, marschiert er entschlossen durch den Park. Chanja versucht, ihm ab und zu ein Stück Banane in den Mund zu schieben, was nicht ganz einfach ist, da Gerri ununterbrochen Monologe hält, die nicht nur für Chanja unverständlich sind. In dem Schweizer Heim, in dem er vorher war, hat er starke Beruhigungsmittel bekommen. Hier legt Chanja ihren Arm um seine Hüften, wenn er in die falsche Richtung läuft, und sagt: "Papi, nein!" Er gibt ihr dann manchmal einen Kuss auf die Hand.

      Die fürsorgliche Art der Pfleger tut den Gästen gut

      Das Streicheln, Umarmen und Küssen ist für die Thai selbstverständlicher Teil der Pflegekultur. Den Gästen tut es gut – das hat Martin Woodtli damals bei seiner Mutter beobachtet, mit der er vor zwölf Jahren wegen ihrer Krankheit nach Thailand gekommen ist. Auch die vielen neuen Eindrücke, sagt er, seien bei der Entwicklung eher förderlich. Sein Alzheimer-Dorf hat gerade zehnjähriges Bestehen gefeiert. Es läuft so erfolgreich, dass Investoren aus der Schweiz ihn überreden wollten, die Anlage zu vergrößern. Weil Woodtli ablehnte, wollen sie nun ein Konkurrenzprojekt auf der anderen Seite von Chiang Mai aufbauen.

      An die Hand nehmen: Häufig ist nonverbale Kommunikation wichtiger als Sprache.

      Foto: Enno Kapitza

      An die Hand nehmen: Häufig ist nonverbale Kommunikation wichtiger als Sprache. (Quelle: Enno Kapitza)

      Sorgen um sein Projekt hat Woodtli deshalb nicht. "Ich bin überzeugt, dass unser Modell nur deswegen funktioniert, weil es klein und familiär ist. Das entspricht dem Thailändischen", sagt er. Ebenso wichtig sei die Integration der Demenzkranken in das Dorfleben. "Die Bewohner treffen auf normale Leute und leben ein fast normales Leben." Das sei auch für die Pflegekräfte ein wichtiger Punkt. In Thailand, sagt Woodtli, sei Arbeit nicht von Freizeit getrennt. "Die Betreuerinnen suchen einen Job, wo sie sich wohlfühlen und sie selbst sein können."

      Die meisten von ihnen leben selbst im Dorf oder in der näheren Umgebung. Altenpflege ist in Thailand eine hoch angesehene Arbeit. Gleichzeitig ist sie etwas absolut Natürliches, mit dem die Menschen in ihren Familien aufwachsen. Die Senioren haben das Recht, zu Hause bleiben zu können und dort mit großem Respekt von den Jüngeren umsorgt zu werden. "Eine Idealvorstellung", findet Woodtli, "die hoffentlich noch lange so bleibt."

      Info Alterspflege Thailand

      Wer ein thailändisches Konto eröffnet und darauf umgerechnet 18.000 Euro einzahlt, bekommt ein Rentnervisum, das jährlich erneuert werden kann. Damit sichert sich der Staat ab, weil der Resident im Krankheitsfall die Kosten selbst tragen kann.

      Da Rentenansprüche bei einer Auswanderung verfallen, geben viele Bewohner offiziell einen "Ferienaufenthalt" an und bleiben in Deutschland angemeldet. Da wenig geprüft wird, ist dies eine Grauzone.

      Normalerweise zahlt die Pflegekasse im Falle einer Pflegestufe den entsprechenden ambulanten Satz bei vorübergehendem Auslandsaufenthalt für sechs Wochen. Zusätzlich haben viele Neuthailänder eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen.