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    • Alterspflege im Ausland: Warum Rentner in Arizona fitter sind
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      Kein Schaukelstuhl weit und breit. In Sun City sind die Rentner fitter als die Enkel. (Quelle: Enno Kapitza)

      12. Mai 2015

      Arizona: Die Menschen vom Paradies

      Text: Michael Cornelius
      Foto: Enno Kapitza
      Wer ins irdische Paradies will, muss in die Wüste fahren.

      Ein paar Kilometer von Phoenix, Arizona, entfernt, werden die Straßen plötzlich breiter und das Auge badet im Grün und Blau der künstlich angelegten Seen und Golfplätze. Wie in einem Traum in Zeitlupe sitzen bunt gekleidete Senioren in elektrisch betriebenen Golfwagen und fahren an gepflegten Vorgärten mit gewaltigen Kakteen und weiß getünchten Orangenbaumstämmen vorbei. Es fühlt sich an, als hätte eine höhere Macht das Tempo und den Realismus aus allem genommen.

      Die Sonne geht unter in Sun City und als ginge es nicht symbolischer, stehen die Senioren auf und fangen an zu tanzen. 7000 sind gekommen zum Open-Air-Konzert von "Frankie Valli & The Four Seasons", die zum Höhepunkt des Abends "Silence is golden" spielen. "Silence is golden, but my eyes still see", stimmt das Publikum dankbar mit ein. Selbst die weniger rüstigen Damen und Herren in den ersten Reihen, die mit Bussen und Begleitung aus den Pflegeheimen hergebracht wurden, wippen mit den Krücken. Einige halten Smartphones hoch und filmen.

      Garten Eden statt Altengetto

      Die Musiker der Sixties-Revival-Band sind erst Mitte 20, so alt wie die meisten aus dem Publikum vor 50 Jahren waren, als die Hits der Four Seasons in den USA populärer als die der Beatles waren. Für einen Augenblick scheint es, als wäre die Bühne ein Zauberspiegel, in den die Zuschauer wie in einen Jungbrunnen blicken. Es ist ein Déjà-vu, ein bewegender Moment voller Würde, in dem alles zusammenkommt, das Altsein und die Sehnsucht, für immer jung zu bleiben.

      Großes Theater: Noch lang nach Sonnenuntergang hören die Bewohner von Sun City einer Coverband zu, die Hits aus den 60er-Jahren spielt. Einige der Tänzer fühlten sich so jung wie damals.

      Foto: Enno Kapitza

      Großes Theater: Noch lang nach Sonnenuntergang hören die Bewohner von Sun City einer Coverband zu, die Hits aus den 60er-Jahren spielt. Einige der Tänzer fühlten sich so jung wie damals. (Quelle: Enno Kapitza)

      Del Webb, ein schillernder Bauunternehmer, der mit Hollywoodstars und dem Milliardär Howard Hughes Golf spielte, hatte die Idee für eine Seniorenstadt mit "Lifestyle". Seine Vision war Garten Eden statt Altengetto – und warum eigentlich nicht: möglichst wie in der Bibel mit der Garantie auf ewigen Spaß und ewiges Leben. Na ja, fast. Der Schöpfer hat sicherheitshalber auch Krankenhäuser, Pflegeheime und Friedhöfe bauen lassen.

      "Du scheidest aus deinem Job aus, nicht aus deinem Leben"

      "Einäscherung nur 587,25 Dollar, Komplettservice", steht überlebensgroß auf einem Werbebanner am Del Webb Boulevard. Nebenan im Museum, das wie die Straße nach dem Gründer benannt ist, zeigt Paul Herrmann den deutschen Gästen die rosa Fliesen im Bad der einstigen Musterwohnung: original Sixties-Style. "Genau hier, am 1. Januar 1960, hat alles angefangen", sagt der Leiter des Besucherzentrums und bleibt vor einem Foto stehen. 100.000 Menschen kamen zur Eröffnung von Sun City, zehnmal mehr als erwartet. Innerhalb von Stunden waren 272 Häuser verkauft – ein Bungalow für zwei Personen kostete damals 10.000 Dollar.

      Auf dem Luftbild sieht man fünf Modellhäuser mitten im Nichts und eine Autokolonne auf der einzigen Zufahrtsstraße. Heute leben in Sun City fast 40.000 Menschen und in den Erweiterungen Sun City West, Grand und Festival noch einmal so viele. Herrmann, dessen Eltern zu den ersten Siedlern gehörten, beschreibt das Lebensgefühl der Stadt: "You retire from your job, not from life."

      Aktive Rentnergemeinschaften sind gefragter denn je

      Nach dem Berufsleben im Schaukelstuhl sitzen und auf den Tod warten? Nicht in der Mutter aller Seniorenstädte. Man hat Del Webb Größenwahn vorgeworfen, als er 37 Quadratkilometer Land kaufte und es zu einer utopischen Siedlung ausbauen ließ, in der sich vom abgesenkten Bordstein bis zur medizinischen Betreuung alles radikal nach den Bedürfnissen alter Menschen richtet. Der unglaubliche Erfolg hat alle Skeptiker überrascht. Mittlerweile gibt es allein in Arizona 52 Sun Citys und mehr als 440 ähnliche Rentnerkolonien in ganz Amerika. Heute ist Del Webbs "Active Retirement Community" gefragter denn je.

      Gestern waren Delegationen aus Shanghai und Tokio zu Besuch, erzählt Herrmann, der mit seinen 68 Jahren noch zu den jüngeren Bewohnern zählt. Das Durchschnittsalter in Sun City liegt bei 72,4. Die Asiaten wollen das Modell kopieren und planen vertikale Rentnerstädte in Wolkenkratzern. Ein Chinese habe gesagt: "Wir haben 6,5 Millionen Menschen über 65 – und ehrlich gesagt, wir wissen nicht, wohin mit ihnen."

      Auch in Deutschland mangelt es an ernst zu nehmenden Konzepten. Die ersten aus der geburtenstarken Generation der zwischen 1946 und 1964 geborenen Babyboomer haben schon das Rentenalter erreicht. Es fehlen laut Bundesbauministerium kurzfristig bis 2020 rund 2 bis 2,5 Millionen altersgerechte Wohnungen. Nach Schätzungen des Instituts der deutschen Wirtschaft wird im Jahr 2050 jeder Dritte Deutsche älter als 65 sein. Die große Frage ist doch, wie wir alt werden wollen und die 30 Jahre, die uns vielleicht noch bleiben, sinnvoll leben können.

      Nirgendwo leben mehr Hundertjährige

      Der seit zwei Tagen 100-jährige Donald Smitherman ist, was diese Frage betrifft, aus dem Gröbsten raus. Er strahlt eine ansteckende Gelassenheit aus. Seinen Geburtstag wollte er diesmal nicht bei Kaffee und Kuchen verbringen und kam auf die Idee, ein Golfturnier mit lauter 100-Jährigen zu veranstalten. Doch obwohl in Sun City die meisten 100-Jährigen Amerikas leben, rund 100, fand er auf die Schnelle keinen, der rüstig genug war. Seine Party feierte er trotzdem auf einem der elf Golfplätze. Smitherman lud seine Großfamilie, zwei Kinder, fünf Enkel und vier Urenkel samt Anhang und Freunden zu einem Turnier ein.

      "Mein Krückstock ist der Golfschläger", sagt der 100-jährige Donald Smitherman im Scherz. Dann schlägt er ab und locht souverän ein.

      Foto: Enno Kapitza

      "Mein Krückstock ist der Golfschläger", sagt der 100-jährige Donald Smitherman im Scherz.  (Quelle: Enno Kapitza)

      Worauf es im Leben ankommt? Smitherman überlegt nicht lange: "Think big, and hope for the best!" Vor 60 Jahren hatte sich der angesehene Psychologe eine Ranch in Colorado gekauft, den Universitätsjob gekündigt und in der Natur eine neuartige Ehetherapie erfunden, bei der man Bäume umarmt und sich von der Schönheit der Berge inspirieren und heilen lässt. "Ich habe immer meinen Träumen vertraut", sagt der 1914 in Kansas Geborene.

      Smitherman hat sich mehrfach im Leben neu erfunden. Mit 88 heiratete er ein zweites Mal (eine 20 Jahre jüngere Frau), mit 90 lernte er Golf spielen, zum Jubiläum veröffentlicht er sein erstes Buch: "100 und immer noch da". "Wer stillsteht, stirbt", sagt er und kneift ein Auge zu, unfreiwillig. Seit einer Nervenkrankheit ist er rechts blind, was ihn nicht daran hindert, jeden Morgen auf dem Quail Run Golf Course zu stehen. Wenn Smitherman abschlägt, schwungvoll und präzise, ist er ganz bei sich. "Es ist so einfach", sagt er, "den Kopf nach unten und dann mit einem Schwung die Sterne treffen."

      "Verreisen? Ich bin viel zu beschäftigt, mein Leben zu genießen"

      Ellen Curry lebt im Himmel. Die Kanadierin führt die Besucher in ihr himmlisches Schlafzimmer mit gemalten Wolken und aufgeklebten weißen Tauben. "Mein verstorbener Mann Brian hat es eingerichtet, er war der Meinung, dass wir bereits im Traumland leben", sagt die 77-Jährige. Seit Frau Curry Witwe ist, schreibt sie Ratgeber über die Kunst des positiven Denkens. Im Guinnessbuch, Ausgabe 1982, hält sie den Rekord für Scuba Diving: 68 Stunden unter Wasser. Das Erlebnis dieser Grenzerfahrung hat sie geprägt. "Think positive!" Auch das Jungbleiben sei reine Kopfsache. "Vergreisen? Nicht mit mir", sagt sie, "ich bin viel zu beschäftigt damit, mein Leben zu genießen."

      Heiter bis wolkig: Ellen Curry in ihrem himmlischen Schlafzimmer.

      Foto: Enno Kapitza

      Heiter bis wolkig: Ellen Curry in ihrem himmlischen Schlafzimmer. (Quelle: Enno Kapitza)

      Dreimal die Woche geht sie zum Yoga oder spielt Golf. Sie ist ein Snowbird, sechs Monate im Winter lebt sie in Sun City, die andere Zeit in Cobourg, Kanada. Wenn sie sich mit ihren gleichaltrigen Freundinnen dort vergleicht, fühlt sie sich um zwei Jahrzehnte jünger. Doch auch sie ahnt, wie brüchig ihr selbst gezimmerter Traum ist. Sie erzählt von einer Freundin, die im "Royal Oaks", einem der Pflegeheime, lebt. Rund 4000 Dollar kostet ein Platz. "Die Versorgung in Sun City ist fantastisch, wenn man sie bezahlen kann." Im Ernstfall würde Ellen Curry zurück nach Kanada gehen, denn ihre Pflege- und Krankenversicherung gilt nur dort. "Was soll’s", sagt sie, "es gibt immer Schlag­löcher auf dem Weg, es kommt darauf an, wie man sie möglichst heil umfährt."

      Eine Stadt voller Möglichkeiten

      Sun City ist die Stadt der Optimisten und der Möglichkeiten: Golfen, Gewichtheben, Square Dance oder im hohen Alter noch die Senior Olympics gewinnen wie Inge Natoli. Die 92-jährige Synchronschwimmerin steht beängstigend fit im Badeanzug am Becken des Marinette Recreation Center, eines der sieben Fitnesstempel der Stadt, die neben Spa und Sport auch Vorlesungen und Kurse für mehr als 120 Hobbys anbieten. Sie hat die Grazie einer Balletttänzerin und den Charme eines jungen Mädchens: "Ich kann sie beruhigen", sagt sie, "ich habe auch Freunde, die nichts tun."

      80 Fahrenheit: Inge Natoli, 92, bleibt auch bei 30 Grad cool "Mach dein Ding, solange es geht", sagt die Synchronschwimmerin.

      Foto: Enno Kapitza

      80 Fahrenheit: Inge Natoli, 92, bleibt auch bei 30 Grad cool "Mach dein Ding, solange es geht", sagt die Synchronschwimmerin. (Quelle: Enno Kapitza)

      Die Kölnerin emigrierte 1948 nach Michigan, der Liebe wegen. Seit 30 Jahren lebt sie in Sun City. Sie ist die Älteste in ihrem Club und trainiert "die Jungen": Frauen in den Siebzigern. Regelmäßig zeigen sie ihr Können bei Wettbewerben und Shows. Inges Soloauftritt ist dabei der Höhepunkt. Über das Altwerden denkt sie nicht nach. "Solange ich schwimmen kann, schwimme ich. Wenn mir das nicht mehr gefällt, höre ich auf." Es sieht nicht so aus, als wäre das bald. Mit einem seidenweichen Hechtsprung gleitet sie in den Pool, taucht nach ein paar Metern auf und tanzt durch das Wasser.

      Einige Regeln von geradezu alttestamentarischer Strenge garantieren seit den 60ern die Stabilität der Gemeinschaft. Das Eintrittsalter liegt bei 55 Jahren, die jüngste Person, die in einem Haushalt lebt, muss mindestens 19 Jahre alt sein. Kinder sind zwar willkommen, aber nur als Besucher. Die Vorschrift bedeutet bares Geld. Weil die Rentnerstadt keine Kindergärten, Schulen oder Universitäten braucht, zahlen die Einwohner nur geringe Steuern. Ehrenamtliches Engagement spart der Gemeinde Kosten in Höhe von rund 34 Millionen Dollar. Beinahe jeder Zweite arbeitet bei den "Prides", einer Straßenreinigungscrew, fährt Essen auf Rädern aus oder ist Freund und Helfer bei der Freiwilligenpolizei "Sheriff’s Posse".

      "Die Pflegeheime sind wie Country Clubs"

      Im Garten der Familie Heuck stehen Zwerge unter Palmen. In der Küche hängt ein gerahmtes Foto des hauseigenen Pools, bestickt mit "Unser kleines Paradies" in alter Schrift. Das Idyll hat Risse bekommen, seit Betty Heuck, 77, vor ein paar Wochen einen Schlaganfall bekam. Dabei war sie immer die Gesunde, die sich um ihren Mann Walter, 80, kümmerte, der seit 18 Jahren Parkinson hat. Jetzt ist der Sohn aus Chicago hergeflogen, um seinen Eltern beizustehen. Die Welle der Hilfsbereitschaft war überwältigend. Spontan hatten sich Freunde und Nachbarn im Zweistundentakt abgewechselt, bis der Sohn übernehmen konnte.

      Stehen drüber: Parkinson, Schlaganfall? Die Familie Heuck hält auch der Humor zusammen. Die beiden Walters, Vater und Sohn im Garten mit Wichtel.

      Foto: Enno Kapitza

      Stehen drüber: Parkinson, Schlaganfall? Die Familie Heuck hält auch der Humor zusammen. Die beiden Walters, Vater und Sohn im Garten mit Wichtel. (Quelle: Enno Kapitza)

      Die Heucks kamen in den 50er-Jahren aus Schleswig-Holstein nach Chicago und blieben. Seit 13 Jahren leben sie im Ruhestand in Sun City West. "Es waren ihre besten Jahre", sagt der Sohn, der nur noch gebrochen Deutsch spricht. "Sie gingen fast jeden Tag aus." Der Vater ist trotz des Schicksalsschlags optimistisch, dass alles gut wird. "Die Pflegeheime sind wie Country Clubs", sagt er scherzhaft, trotzdem möchte er zu Hause bleiben, so lange wie möglich.

      Sein Sohn organisiert gerade die Betreuung rund um die Uhr. Mutter Betty liegt in der Rehaklinik Santé und kämpft sich zurück ins Leben. Die Behandlung koste pro Tag 1000 Dollar, sagt Walter, die Kosten übernehme fast vollständig die Versicherung. Beim Besuch im Krankenzimmer, das wie eine Hotelsuite aussieht, sagt Betty, jetzt erst sei ihr klar geworden, wie schnell sich das Leben ändern könne. Dann setzt sie sich an den Tisch zu ihrem Mann und Sohn. Sie wollen Phase 10 spielen, eine Art Rommé. Die Karten sind schon gemischt.

      "Jetzt sitzen wir in der Falle"

      Gisella Clubb, 75, hat vor Kurzem einen hohen Zaun im Garten bauen lassen, damit ihr Mann nicht mehr weglaufen kann. "Jetzt sitzen wir in der Falle", sagt sie, halb im Spaß. Wes, 80, ist an Alzheimer erkrankt und lebt immer mehr in einer anderen Welt. Er ist ein freundlicher Hüne mit sonnengegerbter Haut und einem Händedruck wie ein Schraubstock. Der Amerikaner war mal Kranfahrer und Funker bei der Air Force. Jetzt sind seine Augen leer.

      Gisella, die aus Mönchengladbach stammt, ist eine starke Frau. Sie meistert die Situation mit einer Mischung aus rheinländischer Gemütsruhe und Galgenhumor. "Ich habe keine andere Wahl", sagt sie. Die US­Army würde zwar zwei Drittel der Pflegeheimkosten zahlen, allerdings dürfte ihr Mann dann nur 2000 Dollar Vermögen besitzen. Gisella müsste das Haus aufgeben, sich verkleinern. Zweimal die Woche verschafft sie sich Luft und bringt ihren Mann nach "Benevilla", zu einer Tagespflegestelle für Demenzkranke. "Solange ich ihn gut behandle, bleibt er friedlich. Er ist jetzt ein Kind."

      Mein großer grüner Kaktus: Gisella Clubb und ihr an Demenz erkrankter Mann Wes im eigenen Garten.

      Foto: Enno Kapitza

      Mein großer grüner Kaktus: Gisella Clubb und ihr an Demenz erkrankter Mann Wes im eigenen Garten. (Quelle: Enno Kapitza)

      Im mexikanischen Restaurant bestellt sie ihm einen Drink und schneidet liebevoll die Tortillas auf seinem Teller. Wes leert das Glas mit einem Schluck, schlingt das Essen herunter. Den Rest des Abends schaltet er auf Autopilot. Als Gisella später den Geländewagen in die Garage fährt, springt Wes verwirrt aus dem Fahrzeug und rennt ins Haus. Sie läuft ihm nach, damit er das Wohnzimmer nicht mit der Toilette verwechselt. Dann telefoniert sie ganz entspannt mit einer Freundin vom deutsch-amerikanischen Freundschaftsclub, es geht um ein Rezept für gedeckten Apfelkuchen. Das Leben muss ja weitergehen.