Suchen
    • Aktuell
    • Erzählt
    • Altersarmut: Von der Selbstständigkeit zum sozialen Abstieg
      • Suchen
      Die Altersarmut sind man vielen Rentnern nicht an. (Quelle: Albrecht Fuchs)

      14. Juli 2015

      Ein bisschen mürbe

      Text: Christian Gottwalt
      Foto: Albrecht Fuchs
      Wie die Kölnerin Renate Paulat, Jahrgang 1935, damit umgeht, im Alter arm zu sein.

      Natürlich sieht man es Renate Paulat nicht an. Nicht bei der ersten Begegnung vor ihrer Haustür und auch nicht beim Spaziergang durch ihr Viertel. Erst tags darauf, im Bürgerhaus des Kölner Stadt­ teils Zollstock, wo sie sich mit anderen Rentnern trifft und die gemeinsame wirtschaftliche Lage bespricht, ein erster, kaum sichtbarer Hinweis, dass sie es nicht so dicke hat: Da steht vor ihr auf dem Tisch eine Colaflasche. Renate Paulat hat die Etiketten abgemacht und die Flasche da­ heim am Wasserhahn aufgefüllt. Mal schnell an der Ecke was zu trinken kaufen, das hat sie sich abgewöhnt.

      Man sieht Renate Paulat die Armut nicht an, ihr selbst nicht und ihrer Wohnung auch nicht. So wie man ihr das Alter nicht ansieht. Das merkt man nur, wenn sie erzählt, was sie mal verdient hat und wie hoch ihre Rente am Anfang war. Das ist dann alles noch in Mark. Frau Paulat wurde im Januar 1935 geboren. Seit 14 Jahren be­zieht sie Rente. Sie als rüstig zu bezeichnen, würde ihr nicht gerecht. Frau Paulat sprüht vor Energie.

      Frau Paulat in ihrer Wohnung in Köln-Sülz. Sie weiß nicht, ob sie nach der nächsten Mieterhöhung bleiben kann.

      Foto: Albrecht Fuchs

      Frau Paulat in ihrer Wohnung in Köln-Sülz. Sie weiß nicht, ob sie nach der nächsten Mieterhöhung bleiben kann. (Quelle: Albrecht Fuchs)

      Ihre Woh­nung ist wirklich hübsch, ein neues Bad, eine schöne Kü­che, beides in Weiß, alles tipptopp. Im Wohnzimmer ein gut gefülltes Bücherregal. Dann wieder der zweite Blick: Sie hat überlegt, ihre Spülmaschine zu verkaufen, aber wer kauft schon eine gebrauchte Spülmaschine? Ihre Mö­bel, sagt sie, seien samt und sonders alt: "Die Regale hier haben schon mehrere Umzüge mitgemacht." Ob die Pols­termöbel abgeschabt sind, kann man nicht sehen; Renate Paulat hat Plaids und Kuscheldecken drübergelegt. Was Muster angeht, mag sie es getigert.

      Einzig die Wohnung ist ihr geblieben

      Frau Paulat war mal in der Möbelbranche beschäf­tigt, als Einkäuferin für eine kleine Kette von Einrich­tungshäusern, später dann mit ihrem eigenen Ladenge­ schäft für Geschenkartikel und Weichholzmöbel. Das ging so lange gut, bis die großen Möbelhäuser gemerkt haben, dass sich auch mit den kleinen Sachen ein großes Geschäft machen lässt. Und bis an allen Ecken Nachahmer auftauchten. Die Wohnung ist das, was ihr geblieben ist.

      Sie spiegelt noch den Lebensstandard von früher wider. 17 Jahre hatte sie das Geschäft und rückblickend bezeichnet sie es als ihren größten Fehler, 1980 in die Selbstständig­keit gegangen zu sein. 17 Jahre lang keine Rentenbeiträge, die fehlen ihr heute. Hätte sie in dieser Zeit so viel verdient wie ein durchschnittlicher Beitragszahler, hätte sie heute 478 Euro mehr im Monat.

      Das Auto hat Renate Paula abgeschafft. Stattdessen ist sie jetzt meist mit dem Fahrrad unterwegs, denn auch die Straßenbahnen ist vielen Rentnern zu teuer.

      Foto: Albrecht Fuchs

      Das Auto hat Renate Paula abgeschafft. Stattdessen ist sie jetzt meist mit dem Fahrrad unterwegs, denn auch die Straßenbahnen ist vielen Rentnern zu teuer. (Quelle: Albrecht Fuchs)

      Mit 62 gab sie das Geschäft auf, war froh, dass sie den Laden noch verkauft bekam. Aber da waren noch Schulden von der Mittelstandsförderung, Bankdarlehen, Überziehungskredite. Sie beglich die Schulden mit dem Geld, das ihr die Lebensversicherung zahlte. 35.000 Mark blieben ihr, die sie in eine Sofortrente umwandelte. 182 Euro Privatrente sind das heute, dazu kommt die gesetz­liche Rente von 842 Euro, die Beiträge für Kranken-­ und Pflegeversicherung sind da schon abgezogen. Zusammen macht das 1024 Euro im Monat, was recht ordentlich klingt, aber nur so lange, bis man die Miete abzieht. Dann bleiben noch 424 Euro übrig. Von dem Betrag muss Frau Paulat ihren Lebensunterhalt bestreiten. Also Lebensmit­tel, Drogerieartikel, Kleidung, Medikamente, Fahrkarten.

      Steigende Mietpreise machen Frau Paula zu schaffen

      Der Hartz­-IV­-Satz in Nordrhein­-Westfalen beträgt 382 Euro, dazu übernimmt das Amt die Kosten für eine angemessene Wohnung. Mit dem, was Renate Paulat zum Leben bleibt, liegt sie genau 44 Euro darüber. Aber ein Gang zum Sozialamt käme für sie ohne­ hin nicht infrage. Sie überlegt hin und wieder, ob sie Wohngeld beantragen soll, jetzt wo die Miete steigen wird.

      "Der Mensch kann sich minimieren"

      Die Miete. Sie ist der größte Posten in ihrer Kalkula­tion. Renate Paulat wohnt in Köln­-Sülz. "Früher war das mal ein Margarine­-Viertel", sagt sie. Heißt: Hier wohnten die Leute, die sich keine Butter leisten konnten. Das hat sich geändert, heute leben hier viele Studenten, junge Fa­milien, auch wohlhabende Italiener und Türken in drit­ter Generation. Renate Paulat empfindet ihr Viertel als bunt. Sie lebt gerne hier. Aber das Viertel hat seinen Preis. Ihre 63 Quadratmeter, zwei Zimmer, Küche, Bad, kosten 600 Euro inklusive Nebenkosten. Das Haus gehört einer Wohnungsbaugenossenschaft. Als sie vor sieben Jahren einzog, dachte Frau Paulat, so eine Genossenschaft, die hält sich mit Mieterhöhungen zurück. Doch jetzt hat die Genossenschaft das Haus, in dem sie wohnt, vom Keller bis zum Dach renovieren lassen. Der Bau aus den 1960er­ Jahren sieht nun aus wie neu. Vor dem Küchenfenster gibt es jetzt einen Balkon. Der macht Renate Paulat Sorgen, denn er bedeutet drei Quadratmeter mehr Wohnfläche. Das heißt: Die Miete wird steigen. Sie weiß noch nicht, wie stark. Aber es besteht die Gefahr, dass sie ausziehen und sich verkleinern muss. Und wenn, dann deutlich. "Ich komme natürlich auch mit 50 Quadratmetern klar", sagt sie, "der Mensch kann sich schon minimieren."

      Was viele Rentner davon abhält, Sozialleistungen zu beantragen, ist die Einmischung des Staates, die damit verbunden wäre. Und ein gewisser Reststolz.

      Foto: Albrecht Fuchs

      Was viele Rentner davon abhält, Sozialleistungen zu beantragen, ist die Einmischung des Staates, die damit verbunden wäre. Und ein gewisser Reststolz. (Quelle: Albrecht Fuchs)

      Das Minimieren, das sieht bei Frau Paulat so aus: Ihr Auto hat sie abgeschafft, obwohl sie sich das Fahren selbst­verständlich noch zutrauen würde. Ein Auto gibt einem ein Gefühl von Freiheit. Einfach mal wieder irgendwohin fahren, so ganz ohne Ziel, das wär’s. Statt zur Buchhand­lung geht sie in die Stadtbibliothek. Feinere Sachen zum Anziehen sind nicht mehr drin, ihr Laden heißt jetzt C&A. "Manchmal auch H&M, wenn die große Größen haben. Aber ich brauche nicht viel, ich muss ja nicht mehr repräsentieren." Lebensmittel von Aldi und Lidl. Selten Gemü­se vom Türken. Öfter mal Biogemüse, das wäre schön. Und nicht so oft Tütensuppe. Wobei: "Die sind gar nicht so schlecht. Aber natürlich nicht immer." Den Kölner Stadtanzeiger bringt ihr eine Nachbarin vorbei, einen oder zwei Tage nach Erscheinen. "Man muss doch wissen, was im Viertel los ist." Ein Abo der ZEIT, ach ja, das wär’s.

      Sie hat sich von ihrem gesamten Schmuck getrennt. Eine eiserne Barreserve gibt es noch, aber die ist reserviert für das Regeln der letzten Dinge. Eine enge Freundin wird sich darum kümmern. Demnächst bekommt sie die dafür nötige Bankvollmacht.

      Vor allem der soziale Abstieg macht Rentnern zu schaffen

      Es ist nicht nur die objektiv messbare Armut, die im Alter zu schaffen macht, es ist der soziale Abstieg. Noch anstrengender, als arm zu sein, ist es, arm zu werden. Sich einschränken zu müssen, das Sparen zu lernen, die ständigen Erinnerungen, dass dieses und jenes nicht mehr geht. "Dass ich immer aufs Geld gucken muss, das macht mich schon ein bisschen mürbe."

      Frau Paulat leistet sich Anschlüsse für Fernsehen, Telefon und Internet. Und ein simples Handy mit Prepaid­karte. Mehr ist nicht drin. Ein Smartphone, ach ja, das wär’s. Und hin und wieder mal in die Philharmonie. Es bleibt bei den Konzerten auf 3sat. Und sonst? "Ein Glück, dass ich kein Tier habe." Sie rauche und trinke nicht, ein Glück. Der einzige Luxus ist ein Keyboard, auf dem sie das Klavierspielen übt. Sie hat vor ein paar Jahren damit angefangen, um geistig fit zu bleiben. Beim Spielen, sagt sie, werden beide Hirnhälften gleichzeitig aktiv. Sie spüre regelrecht, wie sich links und rechts neu verdrahten.

      "Das Rentenrecht ist ein Männerrecht"

      Beim Versuch, das Phänomen Altersarmut einzugrenzen, hilft der Alterssicherungsbericht der Bundesregierung, die darin ein durchschnittliches Einkommen der Menschen über 65 angibt: Ehepaare haben im Schnitt 2433 Euro zur Verfügung, alleinstehende Männer 1560 Euro und allein­ stehende Frauen 1292 Euro. So betrachtet bekommt Frau Paulat etwa 250 Euro weniger als der Durchschnitt. "Das Rentenrecht ist auf Männer zugeschnitten, es ist ein Män­nerrecht", sagt Frau Paulat.

      Renate Paulat engagiert sich in der "Initiative60plus" für Jobs im Alter. Die Gruppe hat eine Webseite, jobs60plus.de, ist per Mail vernetzt, man hilft sich oft selbst. Das Arbeitsamt fühlt sich für Rentner nicht wirklich zuständig. Es sind ja keine Arbeitslosen.

      Foto: Albrecht Fuchs

      Renate Paulat engagiert sich in der "Initiative60plus" für Jobs im Alter. (Quelle: Albrecht Fuchs)

      Das pfändungsfreie Existenzminimum eines allein­ stehenden Menschen in Deutschland beträgt 1045 Euro. Renate Paulat liegt 20 Euro darunter, ein Gerichtsvollzie­her hätte bei ihr nichts zu holen. "Das machen ja manche, die leben von Krediten, bis es nicht mehr geht, und gehen dann in die Privatinsolvenz." Es schüttelt sie, wenn sie sich das vorstellt.

      Immer mehr Menschen gehen auch im Rentenalter arbeiten

      Während sich viele Deutsche vor der Alters­armut fürchten, bewertet das Statistische Bundesamt die aktuelle Lage positiv: "Senioren in Deutschland: überwiegend vital und finanziell abgesi­chert", so die Behörde im Dezember 2012. Allerdings seien Frauen deutlich schlechter gestellt. 12 Prozent der Männer gelten als armutsgefährdet, aber 16 Prozent der Frauen. Jede sechste Rentnerin lebt an der Grenze zur Armut oder darunter. Denn wer alleinstehend ist wie Frau Paulat, muss auch alles alleine bezahlen. Zwei unterdurchschnitt­liche Renten helfen oft weiter als eine durchschnittliche.

      Tatsache ist aber auch, dass viele Rentner sich noch Geld dazuverdienen – wollen oder müssen. Die Bundes­agentur für Arbeit zählte im Herbst vergangenen Jahres 812.000 Minijobber über 65. Die Zahl steigt seit Jahren. Renate Paulat hat keinen Minijob, aber sie geht weiter ar­beiten. Sie hat ihr Leben lang gearbeitet, von 1955 bis 2000. Die letzten drei Jahre in der Unibibliothek. Pünkt­lich mit 65 wurde sie aus dem öffentlichen Dienst entlassen, sie hätte gerne noch länger gearbeitet.

      Renate Paulert betreut ehrenamtlich Demenzkranke. Die 7,50 Euro pro Stunde sind ein kleines Zubrot für die Rentnerin.

      Foto: Albrecht Fuchs

      Renate Paulert betreut ehrenamtlich Demenzkranke. Die 7,50 Euro pro Stunde sind ein kleines Zubrot für die Rentnerin. (Quelle: Albrecht Fuchs)

      Heute kümmert sich Renate Paulat im Auftrag des Roten Kreuzes um eine Demenzkranke. Sie liest ihr vor, geht mit ihr spazieren. Es ist ein ehrenamtlicher, ein un­bezahlter Job, für den Renate Paulat lediglich eine Auf­wandsentschädigung bekommt. Die 7,50 Euro pro Stunde summieren sich mal auf 120, mal auf 135 Euro im Monat. Manche Demenzkranke sind jünger als sie, das sei schon seltsam. Treibt sie die Sorge, selbst ein Pflegefall zu wer­den? "Das mag jetzt überheblich klingen, aber irgendwie bin ich nicht der Typ dafür."

      Jetzt informieren

      Schon heute an morgen denken:Vorsorge und Vermögen