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      Leitmotiv: Esel, Hund, Katze und Hahn finden sich auch auf Scherfs Krawatte wieder. Der 78-Jährige deutet das Märchen als Mutmacher für alle Alten (Quelle: Christian O. Bruch)

      Hennig Scherf und Sven Voelpel übers Altwerden 23. Dezember 2016

      "Ich bin neugierig auf alles, sogar auf meine Gebrechlichkeit"

      Text: Niclas Müller, Mario Vigl
      Foto: Christian O. Bruch
      Professor Sven Voelpel ist einer der führenden Altersforscher, der Bremer Ex-Bürgermeister Henning Scherf einer der aktivsten Senioren des Landes. Hier erklären beide, wie man alt wird, ohne zu vergreisen

      Herr Scherf, eine tolle Krawatte haben Sie da.

      H. Scherf: Danke, sie zeigt die Bremer Stadtmusikanten. Hahn, Katze, Hund und Esel waren durch mit ihrem Tierleben, sie sollten geschlachtet werden. Aber die vier sind ausgerissen, haben die Räuber verjagt und eine neue Bleibe gefunden.


      Eine Geschichte über Demografie?

      H. Scherf: Ja, das Märchen hat eine tolle Botschaft: Gib dich nicht auf, wenn dich die anderen aufs Altenteil schieben wollen – da geht noch was.

      "Das Alter hat seinen Schrecken verloren"

      Herr Voelpel, ist die Geschichte heute gar nicht mehr so märchenhaft, sondern Realität?

      S. Voelpel: Ja, das Alter hat seinen Schrecken verloren: 70-Jährige, die mürrisch und gebückt herumlaufen, findet man heute vor allem im Märchenbuch. Auch wenn leider noch in vielen Unternehmen und in der Gesellschaft die Meinung vorherrscht, dass wir im Alter alle abbauen: Die Realität und die Forschung zeigen, dass die Altersdefizit-These überholt ist. Die Gene determinieren weniger, als man früher dachte: Jeder kann stark beeinflussen, wie er altert.


      "Entscheide selbst, wie alt du bist", so heißt Ihr aktuelles Buch. Können wir das wirklich?

      S. Voelpel: Die Grenze liegt derzeit bei ungefähr 120 Jahren, das erreichen die ältesten Menschen. Bis dahin aber ist die Art zu leben der Schlüssel. Die meisten, die richtig alt werden, hatten nie Übergewicht, trinken kaum und haben, wenn überhaupt, nur wenig geraucht.

      "Mit 100 mit dem Rad zur Tanzstunde"

      Das predigen Fitnessberater jeder Altersgruppe.

      S. Voelpel: Es ist wichtig, früh aktiv zu sein. Wer sich mit 40, 50 bewegt, hat eine viel geringere Wahrscheinlichkeit, später an Demenz zu erkranken. Die Kompetenz, gesund und glücklich zu altern, kann man sich von Kindesbeinen an aufbauen. Aber es muss dann eben noch etwas absolut Wichtiges hinzukommen: die positive Einstellung zum Leben und zum eigenen Alter. Mit 85 noch anfangen zu fechten, mit 100 mit dem Rad zur Tanzstunde fahren und wenn man sich den Oberschenkenhals bricht, annehmen, dass es wieder heilt.

      Sven Voelpel und Henning Scherf mit den Bremer Stadtmusikanten. Das Märchen hat eine frohe Botschaft

      Foto: Christian O. Bruch

      Sven Voelpel und Henning Scherf mit den Bremer Stadtmusikanten. Das Märchen hat eine frohe Botschaft (Quelle: Christian O. Bruch)


      Sie sind 43, einer der weltweit am häufigsten zitierten Betriebswirtschafts-Professoren und Bestseller-Autor. Was tun Sie, um gut zu altern?

      S. Voelpel: Ich bin gerade mitten auf der Autobahn des Lebens. Meine Kinder sind zwei und vier Jahre alt, die Jacobs University wandelt sich, wir sind in ein neues Haus gezogen...

      H. Scherf: Sind Sie gestresst?

      S. Voelpel: Ich arbeite extrem viel und habe derzeit wenig Schlaf – nicht gut. Aber auch typisch für mein Alter. Um dies zu kompensieren, optimiere ich meine Ernährung. Mit meinen Kindern gehe ich wenn immer möglich auf den Spielplatz: 20 Minuten in den Sandkasten, inkl. zehn Minuten hochintensives Training.

      Wie das?

      S. Voelpel: Kniebeugen auf einem Bein oder 60 Klimmzüge mit einer Hand. Sechs mal zehn. 48 Stunden nach der Belastung setzt die Überkompensierung ein, so lässt sich eine wahnsinnige Steigerung der Muskelleistung erreichen. Während der Übungen komme ich nicht mal außer Atem und telefoniere über mein Headset, ohne dass die Gesprächspartner es merken. Im Gegenteil, durch die erhöhte Blutzirkulation im Gehirn kann ich bessere Lösungen finden.


      Nehmen wir Herrn Voelpels Buchtitel ernst: Für welches Alter haben Sie sich heute entschieden?

      H. Scherf: Für uralt! (lacht)

      S. Voelpel: Nein. Auf jeden Fall wirken Sie jünger als 78.

      H. Scherf: Das hängt von der Tagesform ab. An guten Tagen fühle ich mich wie 50.

      "Ich habe den ZDF-Intendanten angerufen: Seid ihr durchgeknallt?"

      Was hält Sie jung?

      H. Scherf: Meine Generation, wir sind Glückskinder. Meine Großmutter wurde als Vollwaise mit acht aus der Schule geschmissen, meine Eltern waren Volksschüler. Und wir sechs Geschwister durften alle studieren – ein Geschenk des Himmels. Wir hatten einfach viel bessere Bedingungen als die Generationen davor.

      S. Voelpel: Sehen Sie, das meine ich: Herr Scherf beklagt sich nicht, sondern sieht die Dinge positiv – obwohl er 1938 geboren und in einer katastrophalen Zeit aufgewachsen ist.


      Verstehen Sie, dass einige eine Vergreisung der Gesellschaft befürchten?

      H. Scherf: Frank Schirrmacher, dieser tolle und viel zu früh gestorbene Journalist, hat in seinem Buch "Der Methusalem-Komplex" eine ganz pessimistische Sicht entworfen, dass es zum Clash der Generationen kommen werde, zum Ende der Zivilgesellschaft, ja dass wir Großeltern am Schluss die Knarre rausholen und auf unsere Enkel schießen. Ich habe mit ihm darüber gestritten: Schirrmacher, das ist eine abstruse Idee! Wir würden alle unser letztes Hemd für unsere Enkel geben! Er wurde dann immer ganz heftig und sagte: "Ihre Generation mag das noch schaffen, aber die späteren nicht mehr". Das ZDF hat Filme daraus gemacht, mit Internierungslagern für Alte. Ich habe den Intendanten angerufen und gefragt: "Seid ihr jetzt völlig durchgeknallt? Wie können Sie den Leuten so einen Schrecken einjagen?" So macht man nur Wutbürger.

      Jeder ist seines Alters Schmied: So lautet eine der Thesen des Forschers und Buchautors Sven Voelpel

      Foto: Christian O. Bruch

      Jeder ist seines Alters Schmied: So lautet eine der Thesen des Forschers und Buchautors Sven Voelpel  (Quelle: Christian O. Bruch)

      Sie wohnen seit vielen Jahren in einem Mehrgenerationenhaus im Bremer Bahnhofsviertel.

      H. Scherf: Nicht die feinste Gegend, aber es war das Haus, in dem unsere Freunde und wir unsere Vorstellungen verwirklichen konnten. Und die lauten nicht, dass wir möglichst schnell versorgt werden wollen, im Gegenteil. Wir wollen so lange wie möglich mittun. Wir haben vielfältige Kontakte, kümmern uns um andere Menschen – auch um Flüchtlinge – und merken, dass das ein Gewinn ist für alle Beteiligten.

      S. Voelpel: Sich im Alter auf Neues einzulassen ist enorm wichtig. Es gibt Langzeitstudien zu den verschiedenen Arten, in den Ruhestand zu gehen. Die eine Gruppe arbeitet weiter. Ergebnis: Der Blutfluss im Hirn bleibt gleich wie in den Jahren zuvor. Dann gibt es welche, die sagen: "Ich bin Rentner, jetzt ruh ich mich aus". Da geht der Blutfluss im Gehirn zurück. Es folgen Depressionen, Herzinfarkte, Rückenleiden. Wir haben genau deshalb eine hohe Todesrate direkt nach dem Ausstieg aus dem Berufsleben. Wenn man das überlebt hat, so ab 70, gehen viele Krankheiten auch wieder zurück.

      Ist Ruhestand also ungesund?

      S. Voelpel: Im Wortsinn schon. Aber es gibt noch eine dritte Gruppe, die ist am interessantesten. Das sind diejenigen, die aktiv in den Ruhestand gehen, etwas anderes machen als vorher. Sie lernen neue Dinge, bekleiden ein Ehrenamt. Bei denen steigt der Blutfluss im Gehirn. Das sind Menschen wie Herr Scherf, permanent aktiv und im Austausch mit anderen. Wir Menschen haben eine ungeheure Plastizität. Das Gehirn bildet ständig neue Synapsen. Nicht nur das Herz regeneriert sich nach einem Infarkt, auch Gehirnzellen können das.

      H. Scherf: Aber mir ist auch bewusst, dass nicht alles überzuckert werden kann. Ich bin in einer privilegierten Position: seit 56 Jahren mit meiner Frau Luise verheiratet, Kinder und Enkelkinder gelungen, einen ordentlichen Beruf gehabt, viele Freunde, gute Pension. Es gibt auch viele, denen das nicht gelingt, die Kummer haben oder eine dicke Altersdepression. Bei einer guten Bekannten von mir ist das so.

      "Mit 101 Marathon laufen, aber mit 67 nicht mehr arbeiten – absurd"

      Wie gehen Sie damit um?

      H. Scherf: Bei solchen Leidensgeschichten hilft es nicht, ständig die Depression anzusprechen. Ich versuche, mit ihr über unsere Jugend zu reden, schleppe sie mit zum Lesezirkel ihrer Nachbarn, wo sie ein Jahr lang nichts gesagt hat. Ich versuche mühselig, sie aus ihrer dunklen Ecke herauszuholen. Jetzt sagt sie manchmal auch was. Ich merke, dass dieses alte Gehirn, das eigentlich schon am Ende angekommen war, noch mobilisiert werden kann.

      S. Voelpel: Es gibt da noch einen Trick. Für eine Studie der Harvard University hat man Menschen, die mit dem Rollator kamen oder gar nicht mehr laufen konnten, quasi um 30 Jahre zurückversetzt: alte Poster aufgehängt, Radio von damals gespielt. Nach einer Woche hatten sich die Blutdruck- und Hormonwerte der Teilnehmer signifikant verändert. Als sie rauskamen und zum Bus wollten, hat ihnen jemand einen Football hingeworfen. Da stand plötzlich die ganze Runde draußen und hat sich den Ball zugepasst. Die konnten eine Woche vorher nicht einmal laufen!

      Henning Scherf und Sven Voelpel fanden – trotz des Altersunterschied – im Gespräch schnell zueinander.

      Foto: Christian O. Bruch

      Henning Scherf und Sven Voelpel fanden – trotz des Altersunterschied – im Gespräch schnell zueinander. (Quelle: Christian O. Bruch)

      Ist unser Rentensystem zu starr darauf ausgelegt, dass man sich mit 65 oder 67 zur Ruhe setzt?

      S. Voelpel: Wir können heute mit 101 noch einen Marathon laufen, dürfen aber mit 67 nicht mehr arbeiten. Das ist absurd. Wir entwicklen mit unseren Kooperationspartnern Alternativen.

      H. Scherf: Man muss behutsam umbauen. Wann ist der richtige Einstieg ins Rentenalter? Diese Frage ist total emotionalisiert. Es sollte darum gehen, altersgerechte Mitarbeitsmöglichkeiten zu schaffen, flexible Übergänge, wo die Jungen von der Erfahrung der Alten profitieren. Oder ältere Mitarbeiter unkompliziert einspringen, wenn jüngere Kollegen ihre Kinder großziehen oder mal krank sind.


      Wird das Altern durch den technischen Fortschritt bald ganz abgeschafft?

      S. Voelpel: Ray Kurzweil, Leiter der technischen Entwicklung bei Google, geht davon aus, dass 2045 der Zeitpunkt der Unsterblichkeit gekommen ist. Bis dahin will man den Krebs und Demenz besiegt haben, Organe auswechseln können und so weiter. Alphabet, der Mutterkonzern von Google, zieht mit seiner Tochterfirma Calico im großen Stil Forscher und Zellbiologen von den Top-Unis ab. Vermögende Menschen investieren hohe Summen. Ich glaube, dass es Innovationen geben wird. Aber Unsterblichkeit anzustreben ist eine Marketingstrategie.

      H. Scherf: Diese Fantasien sind mir und meiner Frau fremd. Wir versuchen, den Tod nicht als Tabu zu sehen, sondern gelassen damit umzugehen.


      Wie alt möchten Sie werden, Herr Scherf?

      H. Scherf: Luise meint immer: Sag das nicht laut. Aber ich habe meine Perspektive nach oben geschraubt und würde gern 100 werden.

      S. Voelpel: Diejenigen, die das nicht wollen, sind letztlich "lebensmüde".

      H. Scherf: Ich bin neugierig auf alles, sogar auf meine Gebrechlichkeit. Selbst in einer Demenzbiografie kann sich so viel entwickeln: vielleicht eine neue Emotionalität, die ich für meine Malereiversuche nutzen könnte, bei denen ich im Augenblick etwas durchhänge. Ich kenne auch Alzheimerpatienten, die wunderbar in der Musik unterwegs sind und für ihr Leben gern singen.

      S. Voelpel: Gesund und glücklich zu altern heißt auch, den positiven Seiten Raum zu geben und das Negative zu akzeptieren.

      H. Scherf: Völlig richtig. Als Bürgermeister habe ich vor elf Jahren eine Geschichte erlebt, die mir bis heute zu schaffen macht: Ein Drogendealer wurde von der Polizei aufgegriffen und verschluckte seine Rauschgiftpäckchen. Unter Aufsicht eines Arztes wurde er zum Erbrechen gebracht. Er ist dabei kollabiert und gestorben. Ich habe mich immer vor die Polizei und diese Methode gestellt, auch wenn andere gesagt haben: "Das dürft ihr nicht, das ist Folter." Heute sage ich auch, dass es ein Fehler war. Ich fühle mich schuldig, dass ich den Tod dieses Menschen möglich gemacht oder zumindest dieses Verfahren gerechtfertigt habe.

      "Ich würde gern um die Welt segeln"

      Ist das Altersweisheit?

      H. Scherf: Ich will Fehler nicht schönreden. Es ist trostlos, wenn man immer nur recht haben will.


      Noch einmal zu den Bremer Stadtmusikanten: Als welches Tier sehen Sie sich?

      H. Scherf: Weil ich so ein Riese bin, halten mich die meisten ja für den Esel. Den Typen, auf dem alle rumklettern. Esel sind komische Kerlchen, aber auch uralte Wesen, die Lasten schleppen und anderen helfen können.


      Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

      S. Voelpel: Ich möchte weiterhin mithelfen, dass wir alle – Unternehmen, Mitarbeiter und Kunden – den demografischen Wandel meistern.

      H. Scherf: Ich bin auf der Suche nach einem neuen Chor. Denn mein bisheriger, der Bremer Ratschor, ist sehr anspruchsvoll. Da bin ich nicht mehr der Richtige mit meinen Hörhilfen. Außerdem gibt es in der Segelkameradschaft zu Bremen, wo ich seit meiner Kindheit mitmache, 3-Generationen-Crews. Zehn Leute, die Tag und Nacht im Schichtbetrieb Wache halten, am Ruder stehen, auf dem Vorschiff rumturnen. Wenn mich die anderen mitnehmen, würde ich gern mit ihnen um die Welt segeln.


      Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 1/2017 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Altern". Alle bisherigen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download.

      121 Jahre Erfahrung

      Henning Scherf, 78, war von 1995 bis 2005 Bremer Bürgermeister – und ist seitdem alles andere als im Ruhestand. Er malt, singt, schreibt, segelt, hält Vorträge und ist Präsident des Deutschen Chorverbands. Eines seiner Rezepte, um fit zu bleiben, stammt aus der chinesischen Medizin: Scherf trinkt fast ausschließlich heißes Wasser.

      Sven Voelpel, 43, lehrt Betriebswirtschaft an der Bremer Jacobs University. Der gebürtige Münchner gründete das WISE Demografie Netzwerk, in dem Firmen und Experten Konzepte für die Arbeitswelt von morgen entwickeln. 2016 schrieb Voelpel einen Bestseller: "Entscheide selbst, wie alt du bist. Was die Forschung über das Jungbleiben weiß." Rowohlt, 14,99 Euro.