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      Meteorologie 6. Oktober 2017

      "Xavier hat die Wintersturm-Saison ungewöhnlich früh eingeläutet"

      Text: Susanne Seemann (Interview)
      Foto: istockphoto/sultancicecgil
      Dr. Markus Stowasser, Leiter Forschung & Entwicklung Naturkatastrophen bei der Allianz SE Reinsurance, erklärt die Unterschiede zwischen tropischen Unwettern und der europäischen Wintersturmsaison - und den Einfluss des Klimawandels auf unsere Wetterlage.

      Die tropischen Wirbelstürme Irma und Harvey haben zahlreiche Menschenleben gefordert. Jetzt fegte Sturmtief Xavier mit Geschwindigkeiten von teilweise über 130 Stundenkilometern über den Norden Deutschlands hinweg. Gibt es klimatechnisch einen Zusammenhang zwischen diesen Unwetterereignissen?

      Dr. Markus Stowasser: Aus meteorologischer Sicht sind diese Phänomene sehr unterschiedlich einzuordnen. Tropische Wirbelstürme über dem Atlantik wie Irma und Harvey beziehen ihre Kraft aus dem im Spätsommer sehr warmen Meerwasser. In Kombination mit anderen begünstigenden Bedingungen wie hoher Luftfeuchtigkeit  können sie sehr hohe Windgeschwindigkeiten entwickeln. Irma erreichte in der Spitze bis zu 295 Stundenkilometer mit extremem Zerstörungspotential. 

      Xavier dagegen ist ein typischer europäischer Herbststurm. Wie entsteht ein solcher?

      Zwischen den hohen und niedrigen Breitengraden ist der Temperaturunterschied ziemlich groß. Im Herbst und Winter wird er sogar noch verstärkt, weil die nördlichen Breiten stärker abkühlen. Durch diesen Druckunterschied entstehen die Stürme. Xavier war allerdings ein ungewöhnlich früher Auftakt in die europäische Wintersturmsaison.

      Tornado-Sirene: In den Gegenden der USA, die häufig von Naturkatastrophen heimgesucht werden, gehören die Warnanlagen zum Ortsbild.

      Foto: istockphoto/SBSArtDept

      Tornado-Sirene: In den Gegenden der USA, die häufig von Naturkatastrophen heimgesucht werden, gehören die Warnanlagen zum Ortsbild. (Quelle: istockphoto/SBSArtDept)


      Das erste Halbjahr verlief sehr ruhig. Warum kommt es jetzt – global betrachtet - zu dieser Häufung von Unwetterereignissen? Müssen wir mit noch mehr lebensbedrohenden Stürmen im zweiten Halbjahr rechnen?

      Klima und Wetter variieren sehr stark in der jeweiligen Ausprägung. Daher kommt es immer wieder zu ruhigeren und stürmischeren Phasen. Wie aktiv die Wintersturmsaison in Mitteleuropa wird, hängt stark von der sogenannten Nordatlantischen Oszillation (NAO) ab. So bezeichnet man die Schwankung des Druckverhältnisses zwischen dem Islandtief im Norden und dem Azorenhoch im Süden über dem Nordatlantik. 

      Bei einem positiven NAO-Index sind sowohl Azorenhoch als auch Islandtief stark ausgebildet. In den mittleren Breiten führt dies zu einer sehr ausgeprägten Westwindzone mit einer hohen Wahrscheinlichkeit für Stürme. Weil sich der NAO-Index oft ändert, ist es nicht möglich, eine verlässliche Einschätzung zum Verlauf der Wintersturmsaison zu treffen. 

      Für die Wirbelstürme über dem Atlantik gilt: Die Saison läuft noch bis Ende November. Gerade hat sich der vierzehnte tropische Sturm der Saison, Nate, gebildet. Spätestens aber wenn die Wassertemperaturen nicht mehr 26,5° Celsius erreichen, können keine tropischen Wirbelstürme mehr entstehen. 

      Von den Unwetterphänomenen zum Klimawandel: Wie beeinflusst er das Wetter? 

      Sein Einfluss ist sehr groß. Weltweit können wir einen wirklich signifikanten Temperaturanstieg beobachten. 

      …und wie die Wetterereignisse?

      Immer mehr Studien belegen in jüngerer Zeit, dass es zwischen steigenden Temperaturen und Starkniederschlagsereignissen einen Zusammenhang gibt - mit dem entsprechend höheren Potential für Überflutungen. Eine sichtbare Auswirkung auf die Wintersturmaktivität wegen des Klimawandels lässt sich bisher dagegen nicht nachweisen. Und das wissenschaftlich wahrscheinlichste Szenario für die Wirbelstürme im Atlantik: Sie werden künftig im Schnitt seltener, aber noch heftiger auftreten. 

       (Quelle: Allianz SE)

      Dr. Markus Stowasser

      Der Leiter Forschung & Entwicklung Naturkatastrophen ist promovierter Physiker und hat Meteorologie und Mathematical Finance studiert. Dr. Markus Stowasser arbeitet seit 2008 für Allianz SE Reinsurance.