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      Thomas Reiter vor dem Kontrollzentrum der Europäischen Raumfahrtagentur ESA in Darmstadt. (Quelle: Norman Konrad)

      "1890" Schwerpunkt Fliegen 10. Oktober 2016

      All oder nichts

      Text: Niclas Müller, Mario Vigl
      Foto: Norman Konrad
      Thomas Reiter war lange nicht unter uns – sondern über uns, im Orbit. Ein Gespräch über gebastelte Raketen, schwerelosen Bierschaum und die Mission zum Mars.

      Herr Reiter, müssen Astronauten eher Wissenschaftler oder Abenteurer sein?

      Am besten beides. Allerdings können wir Adrenalinjunkies und tollkühne Aktionen da oben überhaupt nicht gebrauchen. Aber man muss natürlich bereit sein, Risiken einzugehen. Mein Hauptantrieb war immer die Neugier, die Suche nach neuen Erkenntnissen.

      Die hätten Sie auch in einer Bibliothek gewinnen können. Wozu ins All fliegen?

      In Bibliotheken findet man allerdings nur Wissen über Dinge, die schon erkundet und untersucht wurden. An Bord der Raumstation bewegen wir uns an der vordersten Grenze der Forschung – wir betreten absolutes Neuland. Darüber hinaus wurde ich dort oben oft vom Fernweh gepackt: Wenn man in der Raumstation auf der Nachtseite in diesen Sternenhimmel schaut ... So eine klare Sicht gibt es nirgends auf der Erde, auch nicht im Hochgebirge. Beim Anblick dieser unergründlichen Weiten mit den Milliarden von Sternen kommen einem unweigerlich philosophische Gedanken, und man fragt sich, wie das alles zustande kam. Der Gedanke, der mir bei diesem Anblick immer wieder durch den Kopf schoss, war: Lass uns die Geheimnisse dieser Unendlichkeit erkunden.

      Major Tom to Ground Control: Thomas Reiter mit Kollegen auf seiner ersten Raumfahrtmission.

      Foto: privat

      Major Tom to Ground Control: Thomas Reiter mit Kollegen auf seiner ersten Raumfahrtmission. (Quelle: privat)

      "Ich bin sicher, dass Menschen wieder auf dem Mond landen – und bleiben werden"

      Weiter als zum Mond hat es noch niemand geschafft – das erste Mal 1969, zuletzt 1972. Warum will seit 44 Jahren keiner mehr hin?

      Das stimmt so nicht, es wollen einige Raumfahrtnationen wieder zum Mond. Zum Beispiel Russland, das seit sechs Jahren konsequent das Ziel verfolgt, mit Menschen auf die Oberfläche des Mondes zurückzukehren. Wobei Rückkehr nicht ganz zutrifft, denn bisher waren ja lediglich amerikanische Astronauten auf dem Mond. Ich bin sicher, dass Ende des nächsten Jahrzehnts Menschen wieder auf dem Mond landen – und bleiben werden.

      Eine Kolonie?

      Das ist das Ziel. Die ESA kooperiert auch mit der russischen Raumfahrtagentur, zum Beispiel bei der Mission "Luna-Resurs", geplant für 2019. Eine Sonde wird den Landeplatz am Südpol erkunden und Proben nehmen. Denn es gibt starke Indizien dafür, dass sich dort Wassereis unter der Oberfläche befindet – die Grundlage für eine dauerhafte Ansiedlung. Es ist sinnvoll, den nächsten Schritt jenseits des niedrigen Erdorbits schon vorzubereiten, während die Internationale Raumstation ISS noch betrieben wird. Dies könnte in internationaler Zusammenarbeit der Aufbau einer Basis auf dem Mond sein.

      Eine Basis auf dem Mond würde gute Aufklärungsarbeit leisten

      Wozu?

      Um mehr über die Entstehungsgeschichte unseres eigenen Planeten zu erfahren, um Astronomie von der erdabgewandten Seite des Mondes zu betreiben, um mögliche Gefahren durch Asteroiden, deren Flugbahn die Bahn der Erde kreuzt, möglichst früh zu erkennen, und um Lebenserhaltungssysteme, die Avionik und den Strahlenschutz weiterzuentwickeln. Das wäre dann auch eine optimale Vorbereitung einer astronautischen Mission zum Mars.

      Werden Sie das noch erleben?

      Ich hoffe es. Dass Menschen in der ersten Hälfte des Jahrhunderts zum Mars fliegen werden, da bin ich mir ziemlich sicher. Die Russen und auch wir glauben, dass so eine Mission vom Mond oder seinem Orbit aus starten wird. Die NASA konzentriert sich derzeit auf eine bemannte Marsmission, ohne eine Zwischenstation auf dem Mond.

      Warum wollen überhaupt alle zum Mars?

      Es muss auch dort große Wassermengen gegeben haben, von denen Reste vielleicht noch in Form von Eis existieren. Das heißt, dass es dort möglicherweise Leben gab. Oder noch gibt. In jedem Fall wäre Wasser die Grundlage für "in situ resource utilization".

      Die Nutzung vorhandener Rohstoffe?

      Ja. Wasser kann man elektrolysieren und in Sauerstoff-Wasserstoff aufbrechen. Den Sauerstoff braucht man zum Atmen und als Oxidator für Antriebe. Der Wasserstoff kann mit Kohlendioxid aus der Marsatmosphäre zu Methan prozessiert werden. Guter Brennstoff. Das Wasser braucht man auch zum Trinken und um Pflanzen anzubauen. Aber ob da Essbares im großen Stil wachsen kann, ist noch zu untersuchen. Man muss zuerst automatisierte Systeme hinaufschicken und testen.

      Heute hat Thomas Reiter stets festen Boden unter den Füßen. Wie hier vor einem Bild seiner Ex-WG, der Raumstation ISS.

      Foto: Norman Konrad

      Astronaut Thomas Reiter vor einem Bil der Raumstation ISS. (Quelle: Norman Konrad)

      Private Expeditionen könnten die Raumfahrt schneller voranbringen

      Auch private Unternehmer streben ins All. Wie finden Sie das?

      Logisch und begrüßenswert. Auch die Fliegerei war ja in ihrem Anfangsstadium total exotisch. Heute kann jeder für ’n Appel und ’n Ei zu jedem Ort auf dieser Erde fliegen. Bis es in der Raumfahrt so weit kommt, wird es noch dauern, weil es technisch doch um ein paar Größenordnungen komplexer und aufwendiger ist.

      Was macht die Raumfahrt so teuer?

      Die kleinen Stückzahlen, jeder Satellit ist im Prinzip eine Einzelanfertigung. Außerdem brauchen Sie 35 Megajoule Energie, um ein Kilogramm Masse in den Erdorbit zu bringen. Das heißt: Ein Kilogramm Masse hat dort oben mehr Energie, als in einem Kilo Dynamit enthalten ist.

      Was haben wir von diesem Riesenaufwand?

      Zum Beispiel die Infrastruktur für die Digitalisierung. Kaum einem ist bewusst, wie sehr wir im Alltag von der Raumfahrt ab-hängig sind. Denken Sie nur an GPS-Navigation und mobile Telekommunikation. Ganz abgesehen von den Erkenntnissen zum Klimawandel, die ganz maßgeblich auf den Messungen durch Satelliten basieren.

      Elon Musk, Internetmilliardär und Gründer von Tesla, will mit seinem SpaceX-Programm 2018 eine unbemannte Kapsel auf dem Mars landen lassen. Wie schätzen Sie das ein?

      Bisher hat er ja alle seine Ansagen umgesetzt. Es gibt andere Projekte, die ich für absolut unseriös halte. Eines davon heißt "Mars One". Die wollen schon Ende dieses Jahrzehnts Menschen zum Mars fliegen lassen. Die Vorstellung, dass wir in so kurzer Zeit alle Technologien beherrschen, um auf dem Mars leben zu können, halte ich für völlig unrealistisch. Noch dazu sollen die Astronauten ohne Rückflugticket reisen. Aus meiner Sicht ist das einfach unethisch.

      "Ohne Hilfsmittel den Raum in seinen drei Dimensionen nutzen zu können, das macht euphorisch"

      Als Sie 2006 Bordingenieur auf der ISS waren, besuchte Sie dort die vermögende Weltraumtouristin Anousheh Ansari. Wie war das für Sie, wenn sie sagte: "Ich bin hier auf Urlaub"?

      Diese Gedanken hatte ich mir vorher auch gemacht. Wenn Sie sich Bilder von der ISS anschauen – das ist kein Hotel. Aber sie hat sich wirklich wunderbar eingefügt, die Ärmel hochgekrempelt und geholfen, wo sie konnte.

      War sie zufrieden mit ihrem Urlaub?

      Da bin ich sicher! Ich habe da noch keinen gesehen, der nicht bei dem Gefühl von Schwerelosigkeit vor Glück gelacht hätte. Ohne Hilfsmittel den Raum in seinen drei Dimensionen nutzen zu können, das macht euphorisch. Und dann diese Aussicht. Ganze Kontinente kann man mit einem Blick überschauen. Alle 90 Minuten geht die Sonne auf und wieder unter. Das begeistert einfach. Der Ausblick wird auch nach einem halben Jahr nie langweilig. Im Gegenteil, nach meinen Missionen dachte ich immer: Hätte ich mal mehr aus dem Fenster geschaut!

      Die International Space Station (ISS) im Mai 2010.

      Foto: NASA

      Die International Space Station (ISS) im Mai 2010. (Quelle: NASA)



      Wann haben Sie eigentlich zum ersten Mal vom Fliegen geträumt?

      Meine Traumberufe hatten immer damit zu tun. Ich wollte nie Lokomotivführer werden. Mit fünf oder sechs bastelte ich mit meinem Vater Modelle der "Gemini"-Kapsel. Und ich bin gewissermaßen auf einem Flugplatz groß geworden, weil meine Eltern beide Segelflieger waren.

      Wie erlebten Sie die Mondlandung?

      Wir waren bei Nachbarn, die den ersten Farbfernseher im Viertel hatten: Menschen auf der Oberfläche eines anderen Himmelskörpers. Ich kriege heute noch eine Gänsehaut, wenn ich dran denke.

      Sie selbst waren nicht dort – ein unerfüllter Traum?

      Natürlich. Aber dass es überhaupt geklappt hat, Astronaut zu werden – damit hätte ich ja nie gerechnet.

      Schon mit 14 steuerten Sie zum ersten Mal ein Segelflugzeug. Wird man dadurch ein Star in der Schule?

      Für mich war das ganz normal. Mehr Aufsehen gab es, als ich mit meinen Schulkameraden Raketenmodelle aus Papprohren baute. Schön angemalt, Flügel drangeklebt – tja, und irgendwann wollten wir die Dinger auch mal fliegen lassen.

      Und? Flogen sie?

      Ja, vielleicht zehn, 20 Meter hoch. Wir haben den Treibstoff selbst hergestellt. Es gab damals im Gartencenter dieses Unkrautmittel. Das wurde in Wasser gelöst, Zellsto ... Ich will hier aber keine Anleitung geben. Würde man das heute machen, stünde sofort ein Sondereinsatzkommando vor der Tür. Aber es ist gut gegangen, ich habe noch alle Finger.

      Was sagten Ihre Eltern?

      Manchmal hat’s heftig geknallt, dann kamen die Beschwerden der Nachbarn. Mein Vater warf natürlich jede Dose, die er fand, sofort weg. Dann musste ich mir wieder neue Verstecke suchen.

      Leichtes Manöver: Thomas Reiter vor dem Kontrollzentrum der Europäischen Raumfahrtagentur ESA in Darmstadt.

      Foto: Norman Konrad

      Thomas Reiter vor dem Kontrollzentrum der Europäischen Raumfahrtagentur ESA in Darmstadt. (Quelle: Norman Konrad)



      "Raumpatrouille Orion", "Raumschiff Enterprise" – hat Sie das als Kind auch inspiriert?

      "Orion" durfte ich nicht schauen, da musste ich schon im Bett sein. 1968 kam dann "2001 – Odysee im Weltraum". Mein Vater fuhr extra mit mir nach Frankfurt ins Kino. Ich war total fasziniert, allein das Zusammenspiel von Mensch und Bordcomputer! Der Film ist nach fast 50 Jahren noch immer aktuell.

      Bei aller Fantasie und Technikbegeisterung: Haben wir auf der Erde nicht größere Sorgen als die Frage, wie wir auf den nächsten Planeten kommen?

      Diese Ansicht kann ich verstehen. Aber eigentlich gibt es nur wenige wirklich ernsthafte Probleme auf der Erde: den Erhalt unserer Umwelt zum Beispiel, Hungersnöte oder Krankheiten wie Krebs. Zur Lösung dieser Probleme trägt die Grundlagenforschung im All bei.

      "Die ISS wäre ein idealer Ort für Friedenskonferenzen"

      Wenn man von der ISS aus 400 Kilometer Entfernung auf die Erde blickt, denkt man dann: Die Menschheit ist doch bescheuert!?

      Das ist leicht gesagt. Aber es geht einem dort oben schon unter die Haut, wenn man über Nordafrika fliegt, diesen unglaublich schönen Anblick der Wüste hat, dieses Spiel an Farben und Formen, und dann kommt man über die Sinai-Halbinsel, das Rote Meer, den Golf von Suez, das Tote Meer – und plötzlich, auf dieser Landzunge, wo Beirut liegt, steigen die Rauchwolken auf. Ich bin davon überzeugt: Jeder Mensch, der von der ISS auf die Erde blickt, würde letztlich sagen: "Okay, jetzt lasst uns mal über unsere Schatten springen." Die ISS wäre ein idealer Ort für Friedenskonferenzen.

      Kriegstreiber einfach hochschießen?

      In der Geschichte haben sich Konfliktparteien sehr oft auf neutralem Boden getroffen. Und welche Umgebung könnte neutraler sein als das All? Die Probleme in der Ukraine, der Krieg in Syrien – diese Krisen entstehen, weil wir es nicht fertigbringen, miteinander auszukommen. Die internationale Raumfahrt kann beweisen, dass es Projekte gibt, die man gemeinsam zum Nutzen aller Menschen verfolgt, unabhängig von dem ganzen Zwist.

      Unendliche Weiten: Nichts erfreut Astronauten wie Thomas Reiter so sehr wie der Anblick der Erde von oben. 

      Foto: NASA

      Unendliche Weiten: Nichts erfreut Astronauten wie Thomas Reiter so sehr wie der Anblick der Erde von oben.  (Quelle: NASA)


      Es gibt aber bestimmt auch Nachteile da oben. Das Essen?

      Ist okay. Jeder Astronaut hat einen Spezialcontainer mit Sachen, die er gern mag. Bei mir waren zum Beispiel Salzstangen mit drin. Die Versorgungsraumschiffe brachten auch mal Frisches. Einmal kamen Grapefruits – da läuft mir heute noch das Wasser im Mund zusammen. Die Schleimhäute schwellen im All an, wie bei einem Schnupfen. Man schmeckt weniger und möchte schärfer oder salziger essen.

      Ist ein Feierabendbier drin?

      Nein, Alkohol ist nicht gestattet. Und ein Bier wäre schwierig zu trinken: Der Schaum geht in der Schwerelosigkeit ja nicht weg. Getränke mit Kohlensäure sind keine gute Wahl.

      Die Schwerkraft hat also auch Vorteile. Wann kippt die Stimmung da oben?

      Fast jeder, der länger im All war, sagt: Etwa vier Monate wäre die optimale Aufenthaltsdauer. Man hat nicht viel Platz, und die meisten Tage sind auf die Minute verplant.

      Während wir hier unten vom Fliegen träumen, sehnen Sie sich dann ... wonach?

      Irgendwann denkt man daran, wie es wäre, durch einen Wald oder über eine Wiese zu spazieren. Oder an das Gefühl von Regen, der auf den Kopf fällt.


      Thomas Reiters erste Mission begann im September 1995 und dauerte sechs Monate. An Bord der MIR blieb auch mal Zeit für ein Gitarrensolo. Zehn Jahre später flog er wieder für sechs Monate ins All, zur ISS. Reiter war der erste Deutsche, der Außeneinsätze im Weltraum absolvierte. Heute koordiniert der 58-Jährige bei der ESA das ISS-Programm und arbeitet als Berater des Generaldirektors.


      Dieser Text stammt aus der Ausgabe 4/2016 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Fliegen". Alle bisher erschienenen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download.