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       (Quelle: Catherina Hess)

      Interview 8. Dezember 2016

      "Mein Job ist kein 100-Meter-Lauf"

      Foto: Catherina Hess
      Führungskraft trifft Führungskraft: Vorstand Manfred Knof spricht auf Einladung der "Süddeutschen Zeitung" mit Fußballprofi Philipp Lahm über Machtwillen, Management-Stile und die Treue zum Arbeitgeber.

      Manfred Knof (51) und Philipp Lahm (32) haben mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick denken würde, schreibt die "Süddeutsche Zeitung" (SZ), die die beiden im Spätsommer 2016 zu einem Interview zusammengebracht hat: Knof ist Vorstandsvorsitzender der Allianz Deutschland AG, eines Anteilseigners des FC Bayern München. Und er war einst Leistungssportler, bis er merkte: zu klein, zu leicht, zu langsam für die große Karriere. Fußballweltmeister Philipp Lahm auf der anderen Seite beginnt gerade, seine Zukunft nach dem Leistungssport zu planen. Und vermutlich wird auch er bald auf irgendeine Art Manager sein. 

      allianzdeutschland.de gibt hier einen Auszug des SZ-Artikels wider. Das komplette Interview ist am 17. September 2016 in der Süddeutschen Zeitung erschienen und auch auf sueddeutsche.de zu finden.

      Süddeutsche Zeitung: Herr Lahm, als Kapitän sind Sie die Führungskraft der Mannschaft. Was müssen Sie dafür können?

      Lahm: In erster Linie kann ich sehr gut Fußball spielen. Außerdem braucht man beim FC Bayern einen guten Einblick in den Verein. Ich bin jetzt seit 1995 dabei und weiß genau, was der FC Bayern für Ziele hat, wofür er steht, und kann das in die Mannschaft transportieren.

      Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

      Lahm: Auf Augenhöhe. Das ermöglicht es mir, auch schwierigere Dinge anzusprechen.

      Knof: Ich entdecke da viele Parallelen. Auch ich habe bei der Allianz 20 Jahre gebraucht, bis ich da hingekommen bin, wo ich jetzt bin. Um später Führungsaufgaben zu bekommen, ist es auch bei uns ganz wichtig, das Unternehmen zu kennen. Ich muss wissen, was Aktionäre, Aufsichtsräte, Vorstände und Mitarbeiter von mir wollen und was die Kunden von uns erwarten.

      Aber Sie haben nicht, wie Philipp Lahm beim FC Bayern, in der Jugend angefangen.

      Knof: Nein, aber bald nach meiner Ausbildung.

      Lahm: Wichtig ist auch, dass die Verantwortlichen in einem Unternehmen oder Verein die Qualitäten und Fähigkeiten ihrer Leute erkennen und dementsprechend die Rollen verteilen und Verantwortung übertragen.

      Haben Spaß: Allianz Vorstand Manfred Knof und Fußballer Philipp Lahm im Gespräch mit den Journalisten der Süddeutschen Zeitung.

      Foto: Allianz Deutschland AG / Süddeutsche Zeitung

      Haben Spaß: Allianz Vorstand Manfred Knof und Fußballer Philipp Lahm im Gespräch mit den Journalisten der Süddeutschen Zeitung. (Quelle: Allianz Deutschland AG / Süddeutsche Zeitung)

      Warum haben Sie beide Ihren Arbeitgeber nie gewechselt?

      Lahm: Ich hatte einen Verein vor meiner Haustür, der absolut top ist. Deshalb gab es für mich keinen Grund, ins Ausland zu gehen. Ich finde es wichtig, sich auf einen Verein richtig einzulassen.

      Knof: Das gilt für mich auch. Es ist zum Beispiel völlig normal, dass es bei größeren Veränderungen Widerstände gibt – so wie jetzt im Zuge der Digitalisierung. Wenn dann jemand, der lange dabei ist, den Mitarbeitern zeigt, wo ihre künftige Rolle ist, sind sie auch bereit, den Weg mitzugehen.

      [...]

      Gehört auch Machtwillen dazu, wenn man Führungskraft sein will?

      Lahm: Ach, nein. Ich verbinde mit Macht etwas Negatives. Mir macht es Spaß, den Mitspielern, dem Trainer und den Verantwortlichen meine Hilfe anzubieten. Wir haben unterschiedliche Typen in der Mannschaft, unterschiedliche Kulturen. Wenn ich weiß, welche positiven Eigenschaften ein Spieler hat, dann kann ich ihm auch mal Hinweise geben, die ihm und damit dem Team helfen. Wie verhalte ich mich in der Mannschaft? Wie verhalte ich mich im Verein? Man kann natürlich auch direkt die Schwächen ansprechen, aber ich gebe lieber Hinweise.

      Knof: Das ist bei uns nicht anders. Ich habe bei uns im Vorstand mit sehr unterschiedlichen Menschen zu tun.

      [...]

      Sie haben, Herr Lahm, vor einiger Zeit mal gesagt: „Die Zeit der Obermacker ist im Fußball vorbei.“ Wurde früher anders geführt?

      Lahm: Ja.

      Auch in der Wirtschaft?

      Knof: So wie Chefs vor 15 Jahren geführt haben, so könnte ich heute nicht führen. Von Befehl und Gehorsam sind wir weg. So lassen sich junge Menschen nicht mehr ansprechen. Als Führungskraft muss man vormachen, mitmachen, begleiten. Wegen der Digitalisierung wird viel mehr in Projekten gearbeitet, wir haben heute ganz andere Arbeitsformen, unsere Entwicklungszyklen sind kürzer. Da bleibt oft gar nicht die Zeit, um den Chef zu fragen, sondern die Arbeitsgruppe holt sich die Rückmeldung vom Kunden und entscheidet dann selbst.

      Lahm: Sehe ich auch so. Führung heißt für mich, dass man das immer vorlebt. Die Spieler schauen bei einem Kapitän genau hin, was der macht und ob er im Sinne der Mannschaft, des Vereins, des Trainers handelt.

      Herr Knof, Sie haben auch Leistungssport betrieben. Warum haben Sie aufgehört?

      Knof: Ich habe in Köln und Wuppertal bis zum Abitur Handball gespielt, Rückraum Mitte, aber ich habe gesehen, dass es nicht reicht, weil ich zu klein war, zu leicht, zu langsam.

      Helfen Ihnen die Erfahrungen aus dem Sport heute als Führungskraft?

      Knof: Leistungssport ist eine gute Vorbereitung, weil man lernt, sich zu organisieren, auf andere Dinge zu verzichten und zudem Ehrgeiz und Motivation zu entwickeln. Auch als Manager befinde ich mich ja immer im Wettbewerb.

      Ist körperliche Fitness für Sie wichtig?

      Knof: Mein Job ist gefühlt kein 100-Meter-Lauf, sondern irgendwo zwischen Marathon und Triathlon, also Ausdauersport. Da helfen Fitness und eine innere Struktur im Leben. Die einen machen Yoga, die anderen gehen Joggen oder Wandern.

      Herr Lahm, klingt so, als fordert Herr Knof Sie auf, sich bei ihm zu bewerben.

      Knof: Unbedingt! (lacht)

      In zwei Jahren hören Sie mit dem Fußball auf.

      Lahm: Das wird der größte Einschnitt sein, den es bisher in meinem Leben gab, denn ich spiele seit meinem fünften Lebensjahr Fußball. Aber ich habe das Gefühl, dass ich sehr, sehr gut vorbereitet bin.

      Sie haben sich an fünf Unternehmen beteiligt. Die meisten davon, wie Sixtus oder Schneekoppe, im Bereich Gesundheit. Warum?

      Lahm: Für mich ist es eine weitere Ausbildung. Ich lerne etwas Neues kennen, etwa den Vertrieb. Dazu kommen die Zahlen. Ich bekomme immer Berichte darüber, wie es läuft. Das ist für mich sehr interessant.

      Sie finden Zahlen spannend?

      Lahm: Ja. Sehr. Vor allem schwarze Zahlen (lacht).

      Sind das eher kurzfristige Investments?

      Lahm: Nein, das ist alles längerfristig gedacht. Bei uns als Fußballprofis ist Mitte 30 wirklich Schluss. Und danach gibt es noch einen sehr langen Weg, den man gehen muss.

      Viele scheitern bei diesem Übergang.

      Lahm: Das kann ich verstehen. Talent ist nicht nur Segen, denn es führt dazu, dass man sich früh auf eine einzige Sache konzentriert. Als Spieler hast du jede Woche ein Highlight, spielst vor Zehntausenden von Zuschauern und hast danach sofort ein Ergebnis: Wie war ich? Wie war die Mannschaft? Und wo stehen wir? Das fällt nach der Karriere erst mal weg.

      Knof: Ich spiele nicht jeden Tag vor 80.000 Zuschauern, sondern bekomme regelmäßige Zwischenergebnisse und meine Bilanz einmal zum Jahresende.

      Lahm: Das ist der größte Unterschied zwischen Wirtschaft und Fußball. Ich bekomme sofort Feedback: vom Trainer, von den Zuschauern, von den Medien.

      Knof: In der Wirtschaft bekommt man das Feedback nicht immer so direkt. Es kommt sehr darauf an, was man für Chefs hat, was für ein Umfeld. Wichtig dafür ist es, dass man bereit ist zuzuhören.

      Management und Leistungssport - Parallelen zwischen beiden Sphären entdecken sowohl Knof als auch Lahm.

      Foto: istockphoto/PixFly

      Management und Leistungssport - Parallelen zwischen beiden Sphären entdecken sowohl Knof als auch Lahm. (Quelle: istockphoto/PixFly)

      [...]

      Der FC Bayern war früher ein Familienkonzern, es heißt, Uli Hoeneß habe den Verein aus dem Bauch heraus geführt. Nun wandelt der Verein sich zum Weltkonzern. Reizt Sie diese Herausforderung?

      Lahm: Uli Hoeneß hat den Verein nicht nur aus dem Bauch heraus geführt, er hatte einfach das Talent dafür – auch mit Blick auf Internationalisierung und Marketing. Wir sind da überall top besetzt. Aber das Entscheidende ist: Der sportliche Erfolg muss da sein, sonst bringt die ganze Internationalisierung nichts.

      Knof: Es ist ganz wichtig, dass man sich dessen bewusst bleibt, was den Kern eines Unternehmens ausmacht – bei allem, was sich ansonsten verändert. Beim FC Bayern ist der Kern der Fußball, bei uns ist der Kern, trotz der Digitalisierung und Globalisierung, immer noch das Versicherungsgeschäft. Es ist wichtig, dass man sich in diesem Kern auskennt, ihn pflegt und weiterentwickelt.

      [...]

      Was sagt der Anteilseigner Allianz, wo Philipp Lahm beim FC Bayern tätig werden sollte?

      Knof: Erst mal fänden wir es super, wenn er mit der Mannschaft die Champions League gewinnen würde.

      Lahm: Da hätte ich auch nichts dagegen.

      Würde Sie das als langjähriger Fan des 1. FC Köln wirklich freuen?

      Knof: Klar, ich bin Vereinsmitglied beim FC Bayern. So wie meine ganze Familie. Hier in München bekommen ja Kinder erst den Taufschein, und einen Tag später dann den Mitgliedsausweis vom FC Bayern.

      Aber Sie haben früher für den FC Köln gejubelt.

      Knof: Natürlich. Ich war auch bei der letzten Meisterschaft im Müngersdorfer Stadion. Aber das liegt schon lange zurück.

      Lahm: Das muss vor meiner Geburt gewesen sein.

      Knof: Es war 1978. Unter Hennes Weisweiler.

      Lahm: Sage ich ja: Vor meiner Geburt.