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       (Quelle: iStockphoto/PeopleImages)

      23. August 2017

      »Immer dahin, wo die Sonne scheint«

      Text: Saskia Trucks
      Foto: iStockphoto/PeopleImages
      Reisen, leben und arbeiten miteinander verbinden – was für viele nach einem Traum klingt, setzen onlineaffine Freiberufler längst in die Tat um. Die Rede ist von digitalen Nomaden

      Mit nur einem Wort kann Daniel Ackermann sein Leben beschreiben: Multilokal – er kann überall leben und arbeiten. Die einzigen Voraussetzungen: Ein Schreibtisch, eine Internetverbindung und Ruhe. Mit etwas Glück wird so ein traumhaft weißer Sandstrand in Französisch-Polynesien, ein Baumhaus im tiefsten Dschungel von Sumatra und ein Straßencafe in New York zum perfekten Arbeitsplatz.

      Daniel Ackermann führt ein Leben als digitaler Nomade. Digital, denn er bietet Dienstleistungen wie Web Design oder Suchmaschinenoptimierung an. Nomade, denn seine Arbeit und sein ganzes Leben sind fest mit dem Reisen verknüpft. Ein Lebensstil, der für viele unvorstellbar ist, der aber für Freiberufler gerade im Internetumfeld, die nicht an ein Büro gebunden sind, gar nicht mehr so ungewöhnlich ist.

      Ein neuer Lebensabschnitt

      Daniel Ackermann hat sich diesem Lebensstil vor knapp zwei Jahren verschrieben. Bis dahin lebte er in München und war Geschäftsführer einer kleinen Software-Firma. Die hohen Lebenshaltungskosten in der bayerischen Hauptstadt machen es Kleinunternehmern allerdings nicht leicht, erklärt Ackermann. „Die Mieten sind inzwischen so hoch, dass es immer schwieriger fällt, ernsthafte Reserven zu bilden.“

      Ein Wendepunkt für den heute 38-jährigen. Er gibt seinen Job auf, seine Wohnung und macht sich mit dem Fahrrad auf in Richtung Venedig. Mit dabei: sein Laptop. Während der Tour stellt er fest, dass er auch unterwegs gut arbeiten kann. Der Online-Experte beschließt, sich selbstständig zu machen und seine Dienstleistungen einfach von dort aus anzubieten, wo er sich gerade aufhält.

      Alle paar Monate ein neues Zuhause

      „Meine Homebase bleibt trotzdem in Deutschland“, sagt Ackermann. Anders als mancher digitaler Nomade, der sein gesamtes Leben auf Reisen verbringt, ist er nur die eine Hälfte des Jahres unterwegs, die andere Hälfte verbringt er in Deutschland. „Ich komme immer gerne zu meiner Familie zurück“, sagt er.

      Alle paar Monate zieht es Daniel Ackermann an einen neuen spannenden Ort. Seinem Job kann er auch in den Bergen nachgehen - vorausgesetzt das Internet funktioniert

      Foto: Daniel Ackermann

       (Quelle: Daniel Ackermann)

      Hat sich der 38-Jährige einmal für einen Ort entschieden, bleibt er dort meist für ein paar Monate. Andere hingegen reisen schon nach kürzester Zeit weiter: In einer Befragung von 500 digitalen Nomaden, gaben 44 Prozent an, für ein bis drei Monate an einem Ort zu bleiben, während 25 Prozent alle ein bis zwei Wochen weiterziehen.

      Schnelles Internet in Ubud und lärmabsorbierende Kopfhörer

      In den vergangenen zwei Jahren als digitaler Nomade hat sich Daniel Ackermann besonders in Florida sehr wohl gefühlt. Die USA sind in der Szene beliebt – klar, eine gute Internetverbindung, die für die Arbeit ausschlaggebend ist, gibt es dort fast überall. Die Website nomadlist.com, auf der sich digitale Nomaden über ihre nächsten Reise- und Arbeitsziele informieren können, hat die beliebtesten Städte auf die Kriterien Lebenshaltungskosten, Internetgeschwindigkeit, Sicherheit und Wetterlage untersucht.

      Besonders gut schneiden neben amerikanischen Städten wie San Antonio, Miami, Las Vegas oder Dallas auch asiatische Städte wie Ho Chi Minh City in Vietnam oder Canggu und Ubud auf Bali ab. In Ho Chi Minh City (Nomadlist Rang 1) locken beispielsweise Temperaturen von über 30° C und eine Internetgeschwindigkeit von 10 MB pro Sekunde - für 860 Dollar pro Monat.

      Daniel Ackermanns Arbeitsplatz kann in einem Hotelzimmer mit Meerblick sein - oder aber am Rand einer belebten Straße mitten in Bangkok

      Foto: Daniel Ackermann

       (Quelle: Daniel Ackermann)

      „Digitale Nomaden halten sich gerne dort auf, wo das Wetter schön ist. Da entsteht schnell das Bild vom braungebrannten Backpacker, der bei 35 Grad mit seinem Laptop am Strand liegt“, sagt Ackermann. Das hält er für ein reines Klischee. Er findet seine Arbeitsplätze meist in Hotels, angemieteten Wohnungen oder sogenannten Coworking Spaces - Räumen, in denen sich Freiberufler und Startups zum Arbeiten treffen. In zahlreichen Internetforen tauschen digitale Nomaden Tipps zu den besten Arbeitsplätzen in Vietnam oder Tanzania aus, diskutieren über die Luftqualität in Chiang Mai, lärmabsorbierende Kopfhörer oder geeignete Cafés für Nichtraucher.

      Im Notfall: Immer an die Einheimischen wenden

      Ackermann hält die Szene - aber auch seine Familie und Freunde in Deutschland - über seinen eigenen Reise- und Fotoblog auf dem Laufenden. Vertraute aus der Heimat überbrücken per Telefon und Internet die mehreren tausend Kilometer, die die meiste Zeit zwischen ihnen liegen. Wenn Ackermann akut Hilfe benötigt, sind allerdings Kontakte vor Ort sehr wichtig für ihn. „Die Einheimischen sind besser vernetzt als andere und können einem immer weiterhelfen.“ Auch essenziell: Der Austausch mit anderen Nomaden, seinen “Schicksalsgenossen“. „Da besteht ein starkes Gemeinschaftsgefühl“, sagt der Badener.

      Gleichzeitig setzt Daniel Ackermann darauf, immer ein Mindestmaß an finanzieller Sicherheit im Rücken zu haben: „Egal, ob bei einem Unfall, Diebstahl, bei Krankheit oder sonstigen Problemen - ohne Geld kommst Du nirgendwo auf der Welt besonders weit.“ Abgesichert ist Daniel Ackermann deshalb mit einem Schutzbrief von dem er glücklicherweise noch keinen Gebrauch machen musste. Anders als es das bereits erwähnte Klischee will, bedeutet digitales Nomadentum laut Ackermann auch „eine Menge Disziplin, Organisation, Planung und Leistungsbereitschaft“.

      Immer der Sonne nach

      Wo es als nächstes hingeht, überlegt sich Daniel Ackermann spontan. Meist entscheidet er danach, wo gerade die Sonne scheint – und nach Auftragslage. „Bei manchen Auftraggebern ist eine initiale, persönliche Präsenz sehr wichtig. Ein spontaner Flug zum Kunden vor Ort sollte daher jederzeit machbar sein.“ Deshalb verbringt er auch regelmäßig ein paar Monate in Deutschland. Ackermann geht davon aus, dass im Laufe der nächsten Jahre immer mehr potentielle Auftraggeber verstehen werden, dass die Präsenzpflicht angesichts moderner Kommunikationsmöglichkeiten eigentlich überholt ist. „Meine Bestandskunden wünschen sich keinen Dauergast in ihrem Besprechungsraum, sondern einen zuverlässigen und gut erreichbaren Ansprechpartner, der mit Herzblut bei der Sache ist.“