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      Heiß und Buchhierl (Quelle: Fotos: Fritz Beck)

      1890 16. Mai 2017

      »Die Wiese ist die Grundlage«

      Text: Michael Cornelius, Susanne Seemann
      Fotos: Fritz Beck
      Als Experten für Agrarversicherungen kennen Peter Buchhierl und Martin Heiß die Nöte der Landwirte. Ein Fachgespräch über Risiken und die Ökonomie der Weide


      Herr Buchhierl, Sie sind kürzlich Chef der Münchener und Magdeburger Agrarversicherung geworden. Sind Sie jetzt häufiger an der frischen Luft als früher?

      Peter Buchhierl: Ich habe früher schon Großkunden draußen betreut, das ändert sich jetzt in der neuen Aufgabe nicht. Es würde mir auch keinen Spaß machen, nur im Büro zu sitzen.


      Herr Heiß, Sie sind "Pflanzen-Underwriter" von Beruf. Was muss man da können?

      Martin Heiß: Die verschiedenen Kulturen im Pflanzenbau sind unterschiedlich empfindlich und zum Teil sehr wertvoll. Wir müssen unsere Risiken kennen, und deshalb schaue ich mir alles genau an, was im Bereich der Pflanzenversicherung außergewöhnlich erscheint.


      Haben Sie einen grünen Daumen?

      Martin Heiß: Ich bin privat nicht der große Gärtner. Aber zu Hause auf dem Landwirtschaftsbetrieb meiner Familie bauen wir die gleichen Kulturen an, die wir unseren Kunden versichern: Futter für die Tiere, Getreide und Raps zum Verkauf. Dieses Grundwissen und meine Pflanzenbau-Ausbildung brauche ich, wenn ich mit unseren Kunden spreche.


      Ihnen kann also keiner was vormachen.

      Martin Heiß: Wir versichern mehrere Hundert Pflanzenarten, da können sie nicht bei jeder das letzte Detail kennen. Um das Risiko einschätzen zu können, müssen wir aber wissen, dass Weinreben nach dem Austrieb frostempfindlich sind und Obst und Gemüse besonders unter Hagel leiden. Dafür muss man nach draußen, die Betriebe besuchen und sich das Wissen aneignen. Ganz klar.

      Die Agrarversicherer Peter Buchhierl und Martin Heiß (l.) kennen sich extrem gut mit Grünflächen aus. 

      Foto: Fritz Beck

      Heiß und Buchhierl (Quelle: Fritz Beck)

      Was verbinden Sie beide mit „Wiese“?

      Peter Buchhierl: Zu Hause haben wir einen recht großen Garten mit Wiese, alleine schon wegen der beiden Kinder und der Hunde. Und ich schätze die Wiesenlandschaften des Voralpenlandes und die der Berge.

      Martin Heiß: Auf unserem Bauernhof bildet die Wiese die Futtergrundlage unserer Tiere. Ein wichtiger Produktionsfaktor, der gehegt und gepflegt werden will.


      Wie versichert man eine Wiese?

      Peter Buchhierl: Die Wiese selbst versichern wir nicht, wohl aber das, was darauf wächst. Etwa, wenn ein Grünlandbauer darauf Futter erzeugt. Das Risiko ist aber überschaubar, dass eine Wiese von einem Totalschaden betroffen ist. Manche Wiesen werden siebenmal im Jahr geschnitten. Bei Getreide haben Bauern nur eine Ernte im Jahr. Wenn diese eine ausfällt, ist das für sie schwerer zu verkraften.


      Sie versichern aber auch Pflanzen, die auf der Wiese wachsen, wie Mariendistel, Schafgarbe, Ringelblume oder Löwenzahn.

      Peter Buchhierl: Nur, wenn es reine Kulturen sind. Gleiches gilt für Grassamen, die benötigt werden, um eine Wiese anzusäen. Grassamen werden in Reinkultur angebaut, die wir gegen Hagel, Sturm und Starkregen versichern können.


      Passiert so etwas oft?

      Martin Heiß: Ja, weil Grassamen extrem empfindlich sind. Die Grashalme bilden Rispen und Ähren und die Samen fallen bei Sturm schnell heraus. Von der Natur ist das so angelegt, damit sie leicht auf den Boden fallen, um neu zu keimen. In der Produktion bedeutet das aber ein großes Problem. Deshalb haben wir bei Grassamen immer wieder sehr hohe Schäden.


      Wie hoch können die werden?

      Martin Heiß: Ein Hektar voller hochwertiger Grassamen ist zwischen 1000 und 10.000 Euro wert. Wir haben da ganz schnell Schäden im fünfstelligen Bereich.


      Von der Wiese zum Heu. Wie ist das versichert?

      Peter Buchhierl: Heu ist ein Ernteerzeugnis. Wenn das nicht komplett trocken in die Scheune eingebracht wird, kann es sich erhitzen und selbst entzünden. Es gehört daher zum vorbeugenden Brandschutz, dass Landwirte die Feuchtigkeit und die Temperatur ihres Heus regelmäßig mit Sonden messen und die Ergebnisse in einen Heumesskalender eintragen.


      Und wie steht es um die Tiere auf der Weide?

      Martin Heiß: Auf den Weiden ist Blitzschlag ein schlimmes Thema. Bei einem Gewitter erwischt es meistens nicht nur ein Einzeltier. Es kommt immer wieder vor, dass 10 oder 20 Tiere gleich- zeitig vom Blitz erschlagen werden. Das bedeutet oft einen existenziellen Schaden für den Betrieb. Deshalb versichern sich viele Weidebetriebe auch gegen solche Risiken.


      Kühe brauchen also eine Lebensversicherung?

      Martin Heiß: Eine Kuh ist mehr wert als der Preis, den der Landwirt bekommen würde, wenn er sie zum Schlachter bringt. Sie hat oft auch einen erheblichen Zuchtwert. Da stecken Generationen von Elterntieren dahinter, um zum Beispiel die Milchleistung der Tiere zu erhöhen oder ein bestimmtes Exterieur zu erzielen. Beim Schlachter erlöst der Landwirt viel- leicht 1000 Euro, aber als Zuchttier ist sie zum Teil das Vielfache wert. Bei einem Alm- bauern, der 40 Tiere hat, können da schnell 100.000 Euro auf der Weide stehen.

      Peter Buchhierl: Dazu kommt bei so einem Unglücksfall noch der Transport der Tiere ins Tal. Manchmal führt ein Weg hoch, dann geht es mit dem Lastwagen. Manchmal geht es nicht, dann müssen die toten Tiere tatsächlich ausgeflogen werden. So eine Kuh wiegt ja zwischen700 und 1000 Kilo. Die müssen Sie irgendwie vom Berg bekommen, und dann hilft unter Umständen nur noch der Helikopter.

      Empfindliche Pflänzchen: Ein Hektar voller hochwertiger Grassamen ist zwischen 1000 und 10.000 Euro wert.

      Foto: Fritz Beck

      Empfindliche Pflänzchen: Ein Hektar voller hochwertiger Grassamen ist zwischen 1000 und 10.000 Euro wert. (Quelle: Fritz Beck)

      Welche Schäden entstehen noch im Zusammenhang mit Wiesen?

      Martin Heiß: Was wir auch regelmäßig haben, sind Erosionsschäden. Etwa, wenn eine Wiese von einem höhergelegenen Acker nach einem Starkregen von Schlamm überspült wird. Diesen Schaden würde dann die Haftpflichtversicherung des Ackerbesitzers decken.


      Sind solche Schäden bereits eine Folge des Klimawandels?

      Peter Buchhierl: Die Landwirtschaft ist die erste Branche, die unter dem Klimawandel leidet, weil sie zu 100 Prozent in der Natur produziert. Die extremen Starkniederschläge mit Sturzfluten, wie wir sie vergangenes Jahr in Simbach am Inn oder in Braunsbach erlebt haben – solche Ereignisse werden immer häufiger und verheerender. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Versicherungen gegen Trockenheit. Es ist mittlerweile sicher, dass es immer wärmer und heißer wird.


      Wie sehr bedroht das die Landwirtschaft?

      Martin Heiß: Vor 20 Jahren hieß es noch: Bei uns hier ist es zu kalt, um Mais anzubauen. Mittlerweile haben wir das Problem, dass viele Kulturpflanzen mit Temperaturen von 40 Grad oder mehr nicht mehr zurechtkommen und in der Hitze absterben. Inzwischen arbeiten Zucht-unternehmen daran, Pflanzen zu züchten, die mit solchen Stresssituationen besser fertigwerden. Bei uns entwickelt sich gerade ein mediterranes Klima, zumindest im Süden der Republik. Wir müssen damit zurechtkommen, denn die Klimaentwicklung der nächsten 20, 30 Jahre werden wir nicht mehr stoppen können.


      Könnten sich die Landwirte stärker beim Artenschutz engagieren? Auf einer intensiv genutzten Wiese wachsen zehn bis 20 verschiedene Arten, während es auf einer traditionell bewirtschafteten Wiese bis zu 50 Arten sind.

      Martin Heiß: Dieses diffizile Thema finden Sie überall in der Landwirtschaft. Immer dort, wo Sie versuchen, aus wirtschaftlichen Gründen den maximalen Ertrag von der Fläche zu erzielen, müssen Sie in Richtung Monokultur gehen oder zumindest in Richtung einer Bestandsoptimierung der ertragreichsten Einzelpflanzen. Deswegen ist in einem intensiv bewirtschafteten Wirtschaftsgrünland auch die Artenvielfalt reduziert. Auch im Ökobereich muss auf einer begrenzten Fläche möglichst viel Futter erzeugt werden. Biobauern unterliegen daher den gleichen Zwängen. Ein intensiv genutztes Grünlandfeld bei einem Ökobetrieb weist auch nicht mehr die Zahl von Arten auf wie ein Trockenrasen in einem Naturschutzgebiet.


      Gibt es die Vielfalt nicht wenigstens noch auf den Bergwiesen?

      Peter Buchhierl: Bei Bergwiesen sieht es noch anders aus, da reden wir aber über die Besonderheit der Almwirtschaft. Sie funktioniert nur, weil sie über Kulturlandwirtschaftsprogramme finanziell unterstützt wird und weil sich die Bauern Nebeneinkünfte geschaffen haben, zum Beispiel aus Ferienwohnungen oder indem sie im Winter als Skilehrer arbeiten. Es steckt viel Handarbeit darin, die Erträge sind wesentlich geringer als auf Flachlandwiesen. Dass die Almen weiter bewirtschaftet werden ist ein hohes kulturelles Gut, aber es funktioniert nur, weil es noch Idealisten gibt, die so etwas machen.


      Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 2/2017 des Allianz Deutschland Kundenmagazins "1890" zum Schwerpunktthema "Bunte Welt der Wiese". Alle bisherigen "1890"-Ausgaben finden Sie in der Mediathek zum Download sowie als App für Apple-Geräte in itunes und für Android bei Google Play.

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