"Wir nutzen unsere Tradition für die Herausforderungen von morgen"
Professor Markku Wilenius, Zukunftsforscher bei der Allianz, spricht über die Entwicklungen, die das kommende Jahrzehnt prägen werden.

Allianz Zukunftsforscher Markku Wilenius: "Wir müssen unsere Servicequalität der Zukunft anpassen"
Die Finanzkrise wird uns wohl noch eine Weile beschäftigen. Werden wir im Jahr 2010 ein weiteres Dubai erleben?
Professor Markku Wilenius: Ich glaube wir werden 2010 viel Zögern bei der Frage erleben, ob wir die Finanzkrise wirklich überwunden haben oder nicht. Was immer da draußen passiert - für ein Unternehmen wie die Allianz ist es sehr wichtig, dass wir uns bereits Gedanken darüber gemacht haben. Wie gut ist unser Kundenservice? Was denken wir über die neuen aufsichtsrechtlichen Anforderungen?
Der Klimawandel und die Umwelt waren in den vergangenen Jahren wichtige Themen. Hat die Wirtschaftskrise die öffentliche Aufmerksamkeit abgelenkt?
Nun, das große Hintergrundthema ist die Ressourcenknappheit, nicht nur im Bezug auf den Klimawandel. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir nicht mehr so verschwenderisch mit unseren Ressourcen umgehen können. Die Belastbarkeitsgrenze der Erde ist erreicht.
Die meisten Ökosysteme befinden sich im Niedergang, ob tropische Wälder oder Trinkwasservorkommen. Und das wird den Menschen klar. Die Herausforderung besteht darin, herauszufinden, wie wir ein Teil der Lösung sein können anstatt ein Teil des Problems.
Also gehen wir vom einfachen Investieren in erneuerbare Energien weiter zur Entwicklung von Produkten, die den Menschen dabei helfen, ihre Ressourcen sinnvoll zu nutzen. Das ist ein Megatrend, der nicht mehr verschwinden wird.
Ist es gerechtfertigt, die aktuelle Wirtschaftskrise als einen Wendepunkt zu bezeichnen, an dem neue Zentren der Macht entstehen und alte Modelle untergehen werden?
Ich denke, die Krise war ein Alarmsignal für einen Lebensstil, bei dem wir mehr konsumieren als produzieren. Es herrscht ein Ungleichgewicht zwischen dem, was ausgegeben und dem, was verdient wird.
Das ist die jüngste in einer langen Reihe von Bankkrisen und wir können davon ausgehen, dass es weitere geben wird. Aber wir sollten lernen, die Anzeichen zu erkennen und zu vermeiden, dass so etwas wie jetzt wieder passiert. In einer Krise wie dieser sollten wir eine Reihe von einfachen Regeln aufstellen und die Finanzbranche sollte davon nicht ausgenommen sein.
Was ist nach der Krise? Was wird die kommenden Jahre und Jahrzehnte prägen?
Auf jeden Fall die Digitalisierung in Wirtschaft und Service. Das hat zwei Gründe: Erstens müssen die Unternehmen Kosten sparen und ihre Arbeitsabläufe optimieren. Zweitens wollen die Kunden bessere und flexiblere Serviceleistungen.
Diese beiden Faktoren machen die Digitalisierung zum Schlüsselthema. Besonders in den Industrieländern, wo neue Wettbewerber mit fortschrittlichen Geschäftsmodellen gegen die etablierten Unternehmen antreten.
Woher werden diese neuen Wettbewerber kommen?
Das werden Unternehmen wie Google sein, die leicht in andere Geschäftsfelder gehen können. Die Zukunft gehört den Aggregatoren, Firmen, die eine Webseite haben, auf der man verschiedene Bestpreis-Angebote erhält.
Um dieser Herausforderung zu begegnen, überlegen wir, was an unserem Angebot einzigartig ist. Für die Allianz ist das die Größe unseres Produktportfolios - wir können Pakete zusammenstellen wie niemand sonst. Aber es bedarf einer wirklich klugen Strategie, denn der Preiskampf wird härter.
Abgesehen von der Geschäftswelt, welche Rolle wird die Digitalisierung in unserem Alltag spielen?
Sie soll unser Leben einfacher machen, aber manchmal macht sie es auch komplizierter. Das Gute daran ist, dass wir mehr Flexibilität bekommen. Bürger und Verbraucher bekommen mehr Einfluss.
In dem alten Wirtschaftsmodell waren die Verbraucher den Unternehmen untergeordnet, die ihnen Produkte und Service zukommen ließen. Das ähnelte einer Mutter-Kind-Beziehung. Jetzt treten wir in eine Phase ein, in der es um Partnerschaft geht, und das verlangt eine andere Art der Interaktion zwischen Verbraucher und Dienstleister.
Wenn die Digitalisierung die Stärkung der Verbraucher bedeutet, was ist dann mit den negativen Auswirkungen wie dem Verlust der Privatsphäre oder Sorgen um die Sicherheit von Daten?
Datenschutz ist eindeutig ein Thema. Das Problem ist, dass wir als Dienstleister nicht für unsere Kunden arbeiten können, wenn wir keine ausreichenden Daten haben. Es ist genau wie beim Arzt. Wenn er nichts über Ihre Vergangenheit weiß - welche Operationen Sie hatten, welche Medikamente Sie einnahmen - bekommen Sie selbst bei einem guten Arzt keine gute Behandlung.
So ist das auch bei Versicherungen. Aber wir müssen dabei die Verbraucherrechte wahren. Das geht nur durch einen sehr sensiblen Umgang mit diesen Informationen. Doch am Ende ist bereits eine riesige Menge an Informationen über uns auf der Welt und in den digitalen Systemen verteilt. Wir müssen die Welt, in der wir leben, akzeptieren und dabei die Vorteile, die sie für den Verbraucher haben kann, nutzen.
Gib es andere bedeutende Trends für 2010 und danach?
Ein weiterer Schlüsseltrend ist eindeutig der demografische Wandel. Nicht nur die Überalterung der Gesellschaften und die wachsende Lebenserwartung der Menschen, sondern auch der dramatische Generationswandel findet jetzt statt. Die geburtenstarken Jahrgänge machen auf dem Arbeitsmarkt Platz für eine neue Generation. Mehr noch, sie vererben dieser neuen Generation ihr Vermögen.
Wer sind sie? Welche Gewohnheiten haben sie, welche Bedürfnisse, welchen Lebensstil? Das müssen wir für das Projekt 'verjüngte Allianz' erforschen. Mit Sicherheit wollen sie nicht unser früheres Modell des Büroservice, als man in ein Allianz-Filiale ging und seine Produkte dort kaufte. Moderne Kunden können ihren Vertreter auf bequemeren Wegen erreichen. Mit dem Generationenwechsel geht ein kultureller Wandel einher. Wir müssen darauf vorbereitet sein, sonst verlieren wir das Spiel.
Welche Fähigkeiten brauchen wir, um diesen Herausforderungen zu begegnen?
Für die Allianz lautet die Frage, wie wir unsere Tradition für die Herausforderungen von morgen nutzen. Wir waren durch unsere Vertreter immer dicht an den Menschen. Und die Servicequalität war sehr hoch. Diese Vorzüge waren ein Jahrhundert lang die Säulen der Allianz und wir müssen sie der Zukunft anpassen.
Wenn wir das schaffen, hat die Allianz eine große Zukunft. Wenn nicht, werden wir einer dieser Großkonzerne sein, die an einem gewissen Punkt stagnieren, ersticken und zusammenbrechen.
Diese Aussagen stehen, wie immer, unter unserem Vorbehalt bei Zukunftsaussagen, der Ihnen oben rechts zur Verfügung gestellt wird.
Verwandte Themen